Ich erinnerte mich daran, wie es war, als wir zusammenkamen. Es war nicht einfach – und das ist noch milde ausgedrückt. Unsere Beziehung war von Zweifeln begleitet, und selbst unsere besten Freunde wussten nur von einem Bruchteil der schwierigen Entscheidungen, Kompromisse und Verzichte. Oft konnten wir selbst kaum glauben, dass es funktionieren könnte, so viele Hindernisse gab es in den ersten Jahren. Doch immer wieder entschieden wir uns füreinander, weil wir wussten, dass wir zusammen sein wollen. Dass wir zusammen sein müssen. Rückblickend ist klar, wie sehr es sich gelohnt hat. Aber während ich da zwischen meinen Freunden saß, wurde mir immer deutlicher: Sie wollen diese Schwierigkeiten nicht. Sie warten auf den „perfekten“ Partner, der ihnen alles fertig serviert.
Warum finden heute selbst diejenigen keinen Partner, die es wollen?
Warum gibt es in Zeiten, in denen Liebe angeblich „nur einen Klick entfernt“ ist, immer mehr einsame Menschen? Die digitale Welt bietet eine endlose Auswahl – mit Apps, Nachrichten und in Stories verpacktem Flirten. Theoretisch sollte das helfen, den passenden Partner zu finden, doch in Wirklichkeit lähmt es eher. Einer US-Studie von 2022 zufolge empfinden 79 % der Online-Dater das Kennenlernen als anstrengend, weil die unendliche Auswahl paradoxerweise das Engagement erschwert.
Ein Freund erzählte mir zum Beispiel, dass er in den letzten 5 Jahren viele Dates hatte (was ich ihm glaube), aber bei keinem das Gefühl hatte, dass es sich lohnt, tiefer zu gehen.
Ein anderer Bekannter klagte, er sei müde vom ständigen Chatten. Die Gespräche führen meist nicht zu einem echten Treffen: „Es wirkt, als würden alle nur spielen oder weglaufen, wenn es ernst werden könnte. Neben meinem Job habe ich keine Zeit, ständig zu schreiben. Ich sehe, wie Frauen Fotos posten, Likes sammeln und dann nach Lust und Laune auswählen – aber daran will ich nicht mehr teilnehmen.“
Heutzutage läuft Kommunikation immer mehr schriftlich und oft missverständlich ab. Die besondere Funken, die Blickkontakt, Gesten und Tonfall erzeugen, gehen verloren. Das Flirten, das „in unserer Zeit“ so natürlich und aufregend war, fehlt. Dieses Gefühl, sich auf den Freitagabend zu freuen, um den anderen endlich wieder live zu sehen – in voller Präsenz.
Dann gibt es noch das Phänomen des „Ghostings“, also plötzliches Verschwinden ohne Erklärung, das fast schon normal geworden ist. Einer britischen Studie von 2021 zufolge haben mehr als die Hälfte der Menschen erlebt, dass der Kontakt mitten im Kennenlernen einfach abbrach – ohne ein Wort. Und das war schon 2021…

Auch die sozialen Medien mischen mit
Was früher privat war oder nur Freunde wussten, läuft heute öffentlich ab. Schickst du jemandem, der dir gefällt, ein Herz? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Wem folgst du? Von wem entfolgst du? Warum postest du nicht, mit wem du am Wochenende warst? Oder warum doch? Das sind alltägliche Fragen in der heutigen Dating-Welt, in der es keine klaren Regeln gibt und alle Angst haben, Fehler zu machen und dass der ganze Freundeskreis über sie spricht.
Es erschwert auch, dass jeder Moment mit Ex-Partnern verglichen wird – sei es rückblickend oder durch nostalgische Posts. (Und das betrifft nicht nur uns, sondern alle anderen auch…)
Wir erwarten zu viel – und tun zu wenig
Die schmerzhafteste Erkenntnis an jenem Abend war für mich, dass viele einfach keine Opfer bringen wollen. Sie wollen keine Kompromisse eingehen und versuchen Fehler nicht zu akzeptieren, sondern zu vermeiden – die eigenen genauso wie die des Partners. Liebe funktioniert aber nicht wie ein Onlineshop. Wir können nicht nach perfekten Kriterien auswählen, sie wird nicht innerhalb von 24 Stunden geliefert und es gibt keine Geld-zurück-Garantie.
Ich sah auch, dass viele unter den Anwesenden völlig vergeblich weitersuchen, obwohl sie „über den Richtigen“ hinweg sind. Sie haben ihn gefunden, wissen genau, wie es ist, bis über beide Ohren verliebt zu sein, konnten aber die Probleme nicht lösen, nicht zusammenleben und sich nicht anpassen. Trotzdem suchen sie bei anderen dieselbe Liebe – obwohl sie ihren Ex noch nicht losgelassen haben, ihr Herz dort zurückgelassen haben. Und der Ex fühlt wahrscheinlich genauso. Vielleicht geben sie irgendwann auf und entscheiden sich für jemanden, den sie kontrollieren und formen können oder der einfach mittelmäßig ist und den aktuellen Anforderungen entspricht.
Vielleicht gründen sie sogar eine Familie und führen eine scheinbar glückliche Ehe – bis jemand kommt, der die Sehnsüchte weckt und alles ins Wanken bringt. Aber dann sind sie keine Single-Dreißiger mehr, sondern verheiratete Vierzig- oder Fünfzigjährige mit Kindern und Kredit.
Viele sehnen sich heute nach einer Beziehung, haben aber Angst vor Verletzungen, Ablehnung und nicht gut genug zu sein. Das ist verständlich. Doch wie das Sprichwort sagt: Ohne Risiko kein Gewinn. Liebe verlangt Zeit, Energie, Opfer und Geduld. Und manchmal auch Schmerz. Aber ohne das gibt es keine echte Verbindung.











