Wer wegschaut, ist Teil des Problems.
„Das geht mich nichts an"
Einmal habe ich ein Mädchen am Strand angesprochen, das ein jüngeres Mädchen – vermutlich ihre kleine Schwester – anschrie und ihr gegen den Kopf schlug. Als ich sie aufforderte aufzuhören, schrie sie mich an: Was ich mir dabei denke, mich einzumischen – das sei schließlich ihre Sache.
Ich antwortete ihr, dass sie mich durch ihr Verhalten direkt vor meinen Augen längst hineingezogen hatte. Ich sagte ihr einmal klar, dass sie aufhören und das Mädchen gehen lassen solle. Am Ende klappte es – sie wagte nicht, weiterzumachen. Was mich aber wirklich bedrückte: Ein halber Strand hatte die Szene beobachtet, und niemand sonst hatte auch nur einen Finger gerührt.
„Er war immer nett zu mir"
In unserer Clique gab es einen Typen, in den alle Mädchen verknallt waren – ich ein bisschen auch. Zsolt war groß, gutaussehend, ein klassischer Anführer mit einem gefährlichen Charme. Die Jungs vergötterten ihn, alle mochten ihn.
Dann bekam er eine sehr hübsche, sehr stille Freundin – und behandelte sie schlecht. Er war ungeduldig mit ihr, redete respektlos mit ihr, während sie alles schweigend ertrug, ohne je zurückzureden. Einmal sah ich sie danach weinen und ging zu ihr, um sie zu trösten. Wir haben geredet, über Männer gelacht – und ich dachte, damit sei es gut.
Wochen später kam die Nachricht: Zsolt hatte sie so schwer zusammengeschlagen, dass sie ins Krankenhaus musste. Ihre Eltern erstatteten Anzeige. Das Erschreckendste daran? Niemand von uns war wirklich überrascht. Wir hatten Zsolt zwar nie körperlich gewalttätig gegenüber ihr gesehen – aber im Herzen hatten wir gewusst, dass es nicht weit davon entfernt war.
Meine Mutter fragte mich, warum ich nichts unternommen hatte. Ich brachte nur heraus: weil er zu mir immer nett war, hatte ich irgendwie weggeschaut. Die Clique brach den Kontakt zu Zsolt ab – aber ich fühle mich bis heute mitverantwortlich für das, was passiert ist.
Die Frage der Wahl
Meine Freunde sahen, wie mein damaliger Freund mit mir umging – und sagten nichts. Als ich endlich genug hatte von dem verbalen Missbrauch und die Beziehung beendete, war ich erstaunt, wie viele von ihnen weiter mit ihm befreundet blieben.
Als ich sie darauf ansprach, bekam ich zu hören, ich solle doch nicht verlangen, dass sie „zwischen uns wählen – das sei doch kindisch."
Ich erwiderte, dass sie bereits gewählt hatten – nämlich damit, weiterhin mit einem Täter befreundet zu bleiben. Danach habe ich den Kontakt zu allen von ihnen abgebrochen.
Schweigen als Mittäterschaft
Ich war das Kind in der Familie, in das alle reingetreten sind und für das niemand eingestanden ist. Mein Vater war ständig betrunken, meine Mutter desinteressiert, meine Geschwister meine Feinde, meine Cousins fanden es amüsant. Onkel und Tanten sahen es als normales Necken, das jedem Kind mal passiert. Nur meine Großmutter schien es zu stören – aber auch sie hat nie etwas getan.
Damals schwor ich mir, niemals der Mensch zu sein, der wegschaut. Ich habe schon den Sicherheitsdienst gerufen, als eine Mutter ihr Kind in einem Einkaufszentrum schlug. Ich habe die Polizei gerufen, als meine Nachbarin ihren Mann verprügelte.
Wer schweigt, macht sich schuldig – daran glaube ich fest.
Tomika
Vor Kurzem wollte ich einer Freundin gerade erklären, dass es in unserer Schulzeit kein richtiges Mobbing gegeben habe – da verstummte ich mitten im Satz. Mir fiel Tomika ein. Tomika war der Außenseiter in meiner Grundschulklasse. Er existierte praktisch unsichtbar, außer wenn die anderen Jungs anfingen, ihn zu schikanieren.
Es war alltäglich, fast selbstverständlich. Nicht jeden Tag – aber oft genug. Und niemand sagte je etwas. Ich auch nicht. So sehr, dass ich es über dreißig Jahre lang komplett verdrängt hatte.
Mich traf es wie ein Schlag, und ein schreckliches Schuldgefühl überkam mich. Ich suchte Tomika auf Facebook – auf seinen Fotos wirkt er glücklich, hat eine hübsche Frau und zwei kleine Töchter. Ich hoffe, er hat das Mobbing so vergessen wie ich. Aber das ist wohl ein frommer Wunsch.
Häufig gestellte Fragen
Warum greifen Menschen nicht ein, wenn sie Misshandlung beobachten?
Oft spielen Angst vor Konsequenzen, soziale Nähe zum Täter oder die Überzeugung eine Rolle, dass es „nichts angeht". Wie die Geschichten in diesem Artikel zeigen, führt das Schweigen jedoch dazu, dass man sich im Nachhinein mitverantwortlich fühlt.
Ist man wirklich mitschuldig, wenn man wegschaut?
Wer Misshandlung beobachtet und nichts unternimmt, ermöglicht es dem Täter, weiterzumachen – und sendet der betroffenen Person das Signal, dass niemand für sie einsteht. Das Schweigen macht einen Teil des Problems aus, auch wenn man selbst keine Gewalt ausübt.
Was kann man konkret tun, wenn man Misshandlung miterlebt?
Je nach Situation kann man die betroffene Person direkt ansprechen, andere um Unterstützung bitten, den Sicherheitsdienst oder die Polizei rufen oder im Nachhinein das Gespräch mit der betroffenen Person suchen. Auch kleine Gesten – wie das Angebot, zuzuhören – können einen wichtigen Unterschied machen.
Wie geht man mit dem Schuldgefühl um, wenn man damals nicht eingegriffen hat?
Das Schuldgefühl ist ein Zeichen dafür, dass man die Situation rückblickend richtig einordnet. Wichtig ist, dieses Gefühl als Antrieb zu nutzen, in Zukunft anders zu handeln – statt sich dauerhaft daran festzuhalten.











