„Liebe kann absolut existieren und tut es auch. Meine Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen sich an ihre Kindergarten- oder Grundschul-Lieben erinnern. Ich selbst erinnere mich sogar daran, wer in mich verliebt war. Diese ersten Lieben sind Teil unserer Identität. Noch kleine ‚Identitätskerne‘ zwar, aber wichtige Gefühle, die sich mit der Zeit in uns entwickeln, bis zu dem Punkt, an dem Liebe auch in der Sexualität voll zur Entfaltung kommt.“ – erklärt Psychologin, Coach und Mediatorin Zsófia Mirk.
Emotionale Intelligenz – wir lernen sie ein Leben lang
Unsere Expertin sagt: „Das Gefühl von Liebe ist etwas, das wir nicht kontrollieren können – weder als Kind noch später. Die instinktive Anziehung ist ein wesentlicher Bestandteil der Liebe, den wir nicht wählen können. Wie wir diese Gefühle ausdrücken oder ob wir sie überhaupt zeigen, ist jedoch gelernt, gewählt und kontrollierbar. Die Regulation unserer Gefühle, ein wichtiger Teil der emotionalen Intelligenz (EQ), lernen wir ständig. Dieser Prozess beginnt schon im Babyalter, durch das elterliche Vorbild und die Fürsorge von Mutter und Vater.“
Die Liebes- und Beziehungswelt eines Kindes wird stark davon geprägt, wie die Eltern miteinander umgehen, wie sie ihre Gefühle erleben, ausdrücken und an das Kind weitergeben. Dieses emotionale Erleben nimmt das Kind mit in sein späteres Leben und seine Beziehungen.
Papa, du wirst mein Ehemann!
Als meine Töchter etwa 4 bis 5 Jahre alt waren, entflammte ihre Vaterliebe. Beide wollten in diesem Alter, dass Papa sie heiratet, und ich sollte einfach nur dabei sein – oder auch nicht.
„Im Alter von etwa 3 bis 6 Jahren durchlaufen Kinder eine Phase der psychosozialen Entwicklung, in der Jungen typischerweise die exklusive Aufmerksamkeit ihrer Mutter wollen und ‚sie heiraten möchten‘, während Mädchen sich wünschen, ‚vom Vater geheiratet zu werden‘ und der andere Elternteil in den Hintergrund tritt. Dieses unbewusste Verlangen nennt man bei Jungen den Ödipus-Komplex und bei Mädchen den Elektra-Komplex.“
In dieser Zeit ist es wichtig, dass Eltern verstehen, dass dieses Verhalten nur vorübergehend ist und eine wichtige Station in der normalen Entwicklung darstellt. Wenn Eltern vielleicht eifersüchtig auf ihr gleichgeschlechtliches Kind sind, sollten sie sich dessen bewusst sein. Wichtig ist, dass das Kind die Rollen in der Familie akzeptiert und versteht, dass Mutter und Vater Partner sind, während es selbst auf kindlicher Ebene Teil der Familie ist. Darüber sollte man viel und altersgerecht sprechen, während das Kind die nötige Aufmerksamkeit vom andersgeschlechtlichen Elternteil bekommt.“
Im Kindergartenalter sprüht die Liebe förmlich. Ab der Mittel- und Vorschulgruppe zeigen sich schon deutlich erste Schwärmereien unter Gleichaltrigen.
Sie erleben die erste Enttäuschung, die unerwiderte Liebe, denn oft ist ihr Schwarm in jemand anderen verliebt. Das spürt schon ein kleines Kinderherz.
„Die erste Liebe in der Kindheit basiert ebenfalls auf den Bindungen und liebevollen Beziehungen in der Familie sowie dem elterlichen Vorbild. Wenn ein Kind sicher gebunden ist, wird es wahrscheinlich gesunde Bindungsmuster in späteren Partnerschaften entwickeln. Dafür ist ein einfühlsamer und hingebungsvoller Erziehungsstil der Eltern sowie eine warme emotionale Atmosphäre im Zuhause unerlässlich.“ – erklärt Zsófia Mirk.

Unsere Kindheitsgefühle können prägend sein
Wir alle erinnern uns an unsere erste Liebe im Kindergarten und in der Grundschule. Diese Gefühle sind tief in uns verankert und werden Teil unserer Persönlichkeit. Die Psychologin erklärt jedoch, dass sie „oft unbewusst sind. Das liegt an der Funktionsweise unseres Gedächtnisses, damit unser Gehirn neue Informationen speichern kann. Wenn diese Gefühle jedoch emotional bedeutsam waren, beeinflussen sie unsere spätere Persönlichkeitsentwicklung.“
„Wenn die Erfahrung der Kindergartenliebe für uns positiv war und Freude am Verbunden-Sein bedeutete, nehmen wir diesen Eindruck mit auf unserem Weg. Dieses gute Erlebnis stärkt unser Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein und unterstützt unsere zukünftigen Beziehungen. So prägen diese frühen Erfahrungen, auch wenn sie unbewusst sind, wie wir über uns selbst denken und wie wir uns in der Welt verorten. Auf diese Weise beeinflussen sie auch unsere späteren Beziehungen.“
Die Aufgabe der Eltern
Als Mutter denke ich, dass es gut ist, wenn Kinder dieses wunderbare Gefühl erleben. Emotionale Intelligenz wächst, wenn wir die Gefühle unserer Kinder ernst nehmen und sie nicht kleinreden. „Es lohnt sich, diese ersten Lieben mit der nötigen Aufmerksamkeit zu begleiten, ihre Berechtigung anzuerkennen und mit dem Kind darüber zu sprechen, was es fühlt.“ – betont die Psychologin.
Wann ist professionelle Hilfe sinnvoll?
„Es ist wichtig zu betonen, dass wir von der Zeugung an sexuelle Wesen sind. Schon Babys empfinden Freude bei der Stimulation der Genitalien, manche entdecken das sehr früh. Kindergartenkinder sieht man oft beim Onanieren, was man ihnen nicht verbieten oder sie dabei beschämen sollte, denn das kann ihre sexuelle Entwicklung stark hemmen. Wenn Eltern das Gefühl haben, solche Situationen nicht angemessen begleiten zu können, ist es sinnvoll, mindestens einmal professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen.“
„Zeigt ein Kind übermäßig viel oder altersunangemessenes sexuelles Verhalten, sollte unbedingt eine Fachperson, etwa eine Psychologin, hinzugezogen werden. Es hilft oft schon, zu überlegen, ob das Kind Zugang zu ungeeigneten sexuellen Inhalten hat oder ob es möglicherweise Missbrauch erlebt hat. Letzteres bleibt leider oft verborgen, kann aber schwere körperliche und seelische Folgen haben und sich in ungewöhnlichem sexuellem Spiel mit anderen Kindern zeigen. Wenn Eltern so etwas bemerken, ist das ein wichtiger Hinweis, professionelle Unterstützung zu suchen – statt zu beschämen oder das Kind zu verurteilen.“ – sagt Zsófia Mirk.
Die Entwicklung des Schamgefühls
Die Psychologin Sharon Lamb und Professorin Aleksandra Plocha haben untersucht, welches sexuelle Verhalten bei Kindern als abweichend gilt. Sie fassen ihre Sicht in vier Punkten zusammen:
- Sexuelles Spiel basiert nicht auf gegenseitigem Einverständnis.
- Sexuelles Verhalten verletzt persönliche Grenzen, das heißt, eine Partei fühlt sich unwohl, und das Verhalten wirkt „erwachsen“.
- Das Verhalten schadet der Person körperlich, sozial oder psychisch.
- Das Verhalten ist wiederholend, dauerhaft oder zwanghaft.
Diese Verhaltensweisen sind nicht nur bei Kindern, sondern auch im Jugend- und Erwachsenenalter problematisch. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe von Eltern und Erziehungseinrichtungen, das Schamgefühl bei Kindern zu fördern. Das ist nicht einfach, denn es ist wichtig, dass Kinder ihren Körper nicht als etwas Beschämendes sehen, aber gleichzeitig verstehen, dass ihr Körper ihnen gehört und niemand anderes bestimmte Körperteile berühren darf.
„Das Schamgefühl entwickelt sich meist gegen Ende des Kindergartenalters, etwa mit sechs Jahren, wobei es große individuelle Unterschiede geben kann. Ab diesem Alter kann Nacktheit Kinder verunsichern, weshalb Situationen im Badezimmer, etwa gemeinsames Baden, manchmal schwierig sein können.“
Elternsein ist oft eine Herausforderung. Wir navigieren durch viele Situationen und wollen unseren Kindern die bestmögliche Kindheit schenken. Dazu gehört auch, die erste Liebe ernst zu nehmen – denn nur so können wir aus unseren kleinen Schätzen ausgeglichene, glückliche Jugendliche und Erwachsene machen, die offen für Beziehungen und andere Menschen sind.












