Die meisten von uns sind traurig, wenn sie jemanden leiden sehen. Das nennen wir Empathie oder eine Variante davon, Sympathie. Aber was ist mit den Momenten – selten öffentlich und manchmal nicht einmal vor uns selbst zugegeben –, in denen wir Zufriedenheit oder sogar Freude empfinden, wenn jemand scheitert oder leidet? Ich spreche nicht von Sadismus, also der Freude am Zufügen von Schmerz, oder von Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer (Psychopathie), sondern von diesem meist privaten, aber überraschend verbreiteten Gefühl, Freude am Unglück anderer zu empfinden.
Ob es uns gefällt oder nicht – und den meisten Menschen gefällt es nicht – ist Schadenfreude ein weit verbreitetes, vielleicht sogar kulturell universelles Phänomen. Schadenfreude ist keine rein westliche oder moderne Erscheinung. Der ähnliche Ausdruck „xing zai le huo“ existierte schon im 4. Jahrhundert v. Chr. in China und wird noch heute im Mandarin verwendet. Lucretius schrieb in seinem Werk Über die Natur der Dinge:
„Es ist angenehm, vom Ufer aus zuzusehen, wie andere auf stürmischer See kämpfen.“
Es ist irgendwie zweifelhaft und deshalb unangenehm zuzugeben, dass es uns gut tut, wenn es anderen schlecht geht. Doch Gefühle und Neigungen wie Eifersucht, Neid oder Impulsivität verschwinden nicht, nur weil wir nicht stolz darauf sind. Schadenfreude kann sogar biologische und evolutionäre Bedeutung haben, denn das Konzept der "Fitness" basiert auf relativem Erfolg. Unsere Fitness steigt nicht nur, wenn wir selbst erfolgreicher werden, sondern auch, wenn andere – besonders Nicht-Verwandte – weniger erfolgreich sind. So lässt sich argumentieren, dass das Scheitern anderer uns sogar nützen kann. Vielleicht erklärt das die weite Verbreitung von Schadenfreude. (Beweise dafür, dass ein Hase einen Freudentanz aufführt, wenn ein anderer auf einer Bananenschale ausrutscht, gibt es allerdings nicht.)
Besonders stark, wenn jemand es "verdient" hat
Schadenfreude ist besonders intensiv, wenn jemand – auch eine entfernte öffentliche Person – Schmerz oder Schaden verursacht hat. Dann wirkt das Unglück, das ihn trifft, wie poetische Gerechtigkeit.
Studien zeigen jedoch, dass Schadenfreude in umgekehrtem Verhältnis zum Selbstwertgefühl steht: Wer selbstbewusster ist, fühlt sich weniger durch den Erfolg anderer bedroht und freut sich weniger über deren Misserfolg.
Weniger selbstsichere oder erfolglose Menschen fühlen sich dagegen eher durch das Scheitern anderer bestätigt.

Die Hölle ist beliebter als der Himmel
In der Geschichte war die Darstellung der Hölle oft populärer als die des Himmels. Tertullian, ein Kirchenvater des 2. Jahrhunderts, glaubte etwa, dass die himmlische Belohnung der Gläubigen darin besteht, die Qualen der Verdammten ewig zu beobachten. Dantes Göttliche Komödie – insbesondere der Teil über die Hölle – ist bis heute populärer als das Fegefeuer oder das Paradies – vielleicht kein Zufall. Arthur Schopenhauer nannte Schadenfreude das bösartigste Gefühl der Menschheit:
„Neid ist menschlich, Schadenfreude dämonisch.“
Trotzdem ist Schadenfreude neurologisch nachweisbar. Eine fMRI-Studie von 2011 zeigte, dass bei Fans der New York Yankees und Boston Red Sox das Belohnungszentrum im Gehirn aktiv wurde, wenn das gegnerische Team scheiterte. Eine andere Studie aus 2006 fand ähnliche Gehirnaktivität, wenn Teilnehmer die Bestrafung von „Schuldigen“ sahen. Interessanterweise war die Reaktion bei Männern stärker. Schadenfreude ist auch die Basis für körperlichen Humor – denk nur an Charlie Chaplins Filme. Klassischer Humor baut genau auf diesem Instinkt auf.

Das Gegenteil: Gemeinsam freuen
Beerdigungen sind nicht nur Momente der Trauer, oft schwingt auch unausgesprochene Erleichterung mit, dass das Unglück nicht uns getroffen hat. Aber es gibt auch das Gegenteil. Verspielt nennen wir es Freudenschaden. In der buddhistischen Tradition hat es einen echten Namen: mudita. Das ist selbstlose Freude, die wir über das Glück oder den Erfolg anderer empfinden. Im Westen entspricht das vielleicht dem Stolz der Eltern, wenn sie das Glück ihrer Kinder sehen. Auch das jiddische Wort „nachas“ drückt das aus.
Und jetzt, wo wir die Schadenfreude aus dem Schatten geholt haben: Wie gehen wir damit um? Feiern wir sie als „natürlich“? Oder sind wir lieber achtsam, wenn sie auftaucht? Denn – Mensch sein heißt – sie wird früher oder später kommen.











