Manche Orte muss man sich wirklich verdienen. Lange Flüge, Zwischenstopps, Schiffsreisen durch raue See oder stundenlange Fahrten auf kaum befestigten Pisten – und am Ende wartet eine Landschaft, in der das Handy keinen Empfang hat, die Natur noch unberührt wirkt und man sich selbst wieder ein Stück näherkommen kann.
Christopher Gioitta, Gründer und CEO von Parea Travel, bringt es auf den Punkt: Abgelegenheit ist nicht nur eine Frage der Entfernung. Viele Orte sind logistisch schwer erreichbar – und genau das macht sie so besonders.
Greg Pearson, Gründer von Focus Point International, ergänzt: An wirklich entlegenen Orten übernimmt nicht mehr die Infrastruktur das Steuer, sondern Wetter, Natur und die eigene Selbstständigkeit. Diese Reisen formen den Menschen – nicht nur als Erinnerung, sondern als Erfahrung.
Gioitta, Pearson und weitere Reiseexperten haben gegenüber Travel + Leisure verraten, welche neun Reiseziele sie für die abgelegensten – und beeindruckendsten – der Welt halten.
Antarktis – das Ende der Welt, wo die Natur das Sagen hat
Kaum ein Ort auf der Erde ist so weit weg und so unberührt wie die Antarktis. Der einzige Kontinent ohne ständige Bevölkerung ist geprägt von extremen Wetterbedingungen und gefährlichen Meerespassagen.
Expeditionsexperte Kevin Jackson bezeichnet die Antarktis als den absoluten Maßstab unter den abgelegenen Reisezielen. Die meisten Reisenden kommen per Schiff, andere fliegen von Südamerika aus ein – um die berüchtigte Drakepassage zu umgehen.
Der Weg ist lang und teuer, aber die Belohnung ist einzigartig: riesige blaue Eisberge, Pinguinkolonien, Wale und eine Stille, die in der modernen Welt kaum noch zu finden ist.
Ladakh, Indien – die verborgene Welt des Himalaya
Ladakh wird oft als „Kleines Tibet" bezeichnet – und wer die schneebedeckten Gipfel, die auf Felsen thronenden buddhistischen Klöster und die türkisfarbenen Bergseen einmal gesehen hat, versteht sofort warum.
Greg Pearson hebt besonders die Höhe als Besonderheit hervor: Viele Teile der Region liegen über 3.300 Metern. Akklimatisierung ist unverzichtbar, denn Wetter und körperliche Verfassung können sich hier schneller ändern, als viele Reisende erwarten.
Ausgangspunkt für Erkundungen ist die Stadt Leh, von der aus uralte Klöster und spektakuläre Bergstraßen erreichbar sind. Ladakh ist nicht nur visuell beeindruckend – es ist auch eine spirituelle Erfahrung.
Bwindi-Nationalpark, Uganda – Auge in Auge mit Berggorillas
Der Regenwald des Bwindi-Nationalparks beherbergt ein uraltes Ökosystem, das von der modernen Zivilisation kaum berührt wurde. Sein größter Schatz: die seltenen Berggorillas, von denen fast die Hälfte der Weltpopulation hier lebt.
Reiseexperte Luca Franco beschreibt das Gorilla-Trekking als ein Erlebnis, das einen tief im Inneren trifft. Man spürt hier die Kraft und gleichzeitig die Verletzlichkeit der Natur auf eine Weise, die sich kaum in Worte fassen lässt.
Für den Besuch ist eine Sondergenehmigung erforderlich, und erfahrene Guides begleiten die Gruppen durch den dichten Dschungel. Der Moment, wenn eine Gorillafamilie plötzlich wenige Meter entfernt auftaucht, ist unvergesslich.
Torres del Paine, Chile – die wilde Schönheit Patagoniens
Der Torres-del-Paine-Nationalpark gehört zu den bekanntesten Wanderparadiesen der Welt. Granitgipfel, türkisfarbene Gletscherseen und dramatisches Wetter erzeugen zusammen eine Kulisse, die fast unwirklich wirkt.
Greg Pearson betont: In Patagonien diktiert die Natur die Regeln. Das Wetter kann sich innerhalb weniger Stunden dramatisch verändern, der Wind erreicht extreme Stärken, und Wanderwege können schnell gefährlich werden.
Die Belohnung: Begegnungen mit Pumas, Andenkondoren und Guanakos inmitten eines der spektakulärsten Gebirge der Welt.
Wrangell-St.-Elias-Nationalpark, Alaska – Amerikas letzte Wildnis
Der Wrangell-St.-Elias-Nationalpark ist einer der größten und wildesten Nationalparks der USA. Gewaltige Gletscher, unberührte Hochgebirgslandschaften und eine schier endlose Weite prägen diesen Ort.
Kevin Jackson sagt, dass man hier echte Abgeschiedenheit spüren kann wie kaum anderswo. Einige Teile des Parks sind nur per Kleinflugzeug erreichbar, das mitten in der Wildnis landet.
Im Sommer macht die Mitternachtssonne die blühende Tundra zu etwas ganz Besonderem – während die Zivilisation hinter dem Horizont vollständig zu verschwinden scheint.
Osterinsel, Chile – das Geheimnis der Moai-Statuen
Rapa Nui ist eine der bekanntesten und gleichzeitig abgelegensten Inseln der Welt. Das vulkanische Eiland liegt mitten im Pazifik, mehr als 3.200 Kilometer von der südamerikanischen Küste entfernt.
Weltberühmt wurde die Insel durch die monumentalen Moai-Statuen, die das indigene Volk der Rapanui vor Jahrhunderten aus Vulkangestein gemeißelt hat. Wegen der langen Anreise kombinieren viele Besucher den Trip mit einer Rundreise durch Chile.
Die Osterinsel ist mystisch, spirituell und von atemberaubender Schönheit – ein Ort, den kein Foto wirklich einfangen kann.
Norfolkinsel, Australien – eine Zeitreise im Südpazifik
Die Norfolkinsel liegt im südlichen Pazifik und war einst eine britische Strafkolonie. Heute zieht sie Reisende mit ihren historischen Überresten und einer wildromantischen Küstenlandschaft an.
Christopher Gioitta erklärt, warum die Insel als besonders abgelegen gilt: Nur wenige Flüge pro Woche verbinden sie mit der Außenwelt, und die Seebedingungen sind oft unberechenbar.
Wer hierher kommt, findet dramatische Steilküsten, seltene Vogelarten und eine Ruhe, die in der modernen Welt kaum noch existiert.
Skeleton Coast, Namibia – wo die Wüste auf den Ozean trifft
Der Name Skeleton Coast – zu Deutsch: Skelettküste – ist kein Zufall. Hier trifft die Namib-Wüste auf den Atlantik, die Küste wird von Schiffswracks, dichtem Nebel und endlosen Sanddünen geprägt.
Greg Pearson beschreibt diese Gegend als eine der rauesten und dramatischsten Landschaften der Welt. Infrastruktur gibt es kaum, die Entfernungen sind enorm, und die Bedingungen können sich rasch ändern.
Die meisten Besucher erkunden die Region im Rahmen organisierter Safaris oder Flugtouren – und erleben dabei Robbenkolonien, Wüstenelefanten und eine Stille, die sich tief einprägt.
Mystery Island, Vanuatu – das unbewohnte Paradies
Schon der Name verspricht Abenteuer. Mystery Island gehört zum südpazifischen Inselstaat Vanuatu und ist in jeder Hinsicht besonders: keine feste Bevölkerung, keine Hotels, keine klassische Infrastruktur.
Christopher Gioitta erzählt, dass die meisten Besucher per Schiff ankommen – und viele das Gefühl beschreiben, in einen Film über eine einsame Insel geraten zu sein.
Weißer Sand, Palmen und ein unglaublich türkisfarbenes Meer machen Mystery Island zu einem tropischen Traum, der noch wirklich unberührt ist.
Warum zieht es uns immer mehr in die Ferne?
Die abgelegensten Reiseziele der Welt haben nichts mit bequemem Urlaub zu tun. Es geht darum, aus der permanenten Online-Präsenz auszubrechen und zu spüren, wie es sich anfühlt, wirklich weit weg zu sein – von allem.
Vielleicht werden diese Reisen genau deshalb zu unvergesslichen Erinnerungen: weil sie nicht nur neue Orte zeigen, sondern uns selbst ein Stück verändern.











