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Die neue, heimtückische Form der Einsamkeit: Voller Bekannter, aber niemand zum Anrufen

Margarete Wolf4 Min. Lesezeit
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Die neue, heimtückische Form der Einsamkeit: Voller Bekannter, aber niemand zum Anrufen — Lebensstil

Es gibt diesen besonderen Moment, wenn du abends auf dem Sofa sitzt und durch dein Telefonbuch scrollst. Namen, Profilbilder, alte Chats, halb eingeschlafene Gruppenunterhaltungen. Auf dem Papier, also auf dem Bildschirm, bist du voller Menschen. Doch wenn du wirklich mit jemandem sprechen möchtest, nicht nur Nachrichten austauschen, sondern echte Verbindung suchen willst, bleibt dein Finger plötzlich über dem Display stehen. Denn du merkst, dass du eigentlich niemanden zum Anrufen hast.

Nicht, weil es niemanden gibt. Nicht, weil du dich mit allen zerstritten hast, sondern weil diese natürliche Vertrautheit fehlt, bei der man nichts erklären, nicht einleiten und keinen Termin ausmachen muss. Einfach wählen und wissen, dass auf der anderen Seite wirklich jemand da ist – nicht nur technisch, sondern auch emotional. Wenn du so fühlst, glaub mir, du bist nicht allein!

Diese Einsamkeit ist nicht die klassische, filmreife Alleinsein-Erfahrung. Es geht nicht darum, dass keine Menschen um dich sind. Im Gegenteil. Vielleicht sitzt du den ganzen Tag in Meetings, sprichst mit Kolleg:innen, beantwortest Nachrichten, reagierst, organisierst. Vielleicht bist du in sozialen Medien aktiv, schaust Stories, gibst und bekommst Likes. Die Verbindung scheint ständig da zu sein, doch irgendwann fühlt sich das alles plötzlich schwerelos an.

Eine seltsame Eigenheit moderner Kommunikation ist, dass wir viele Informationen übereinander haben, aber immer weniger echte Zustände teilen. Wir wissen, wer wo Urlaub macht, was zum Abendessen gegessen wurde, an welchem Projekt gearbeitet wird – aber nicht unbedingt, wie sich jemand fühlt. Gespräche bleiben oft oberflächlich, nicht aus Bosheit, sondern weil es so bequemer ist. Schneller, weniger verletzlich und vielleicht warten wir alle darauf, dass jemand endlich diese Oberfläche durchbricht.

In uns steckt auch eine generationenübergreifende Vorsicht

Wir wollen andere nicht belasten, nicht zu viel erscheinen, wir möchten niemandem zur Last fallen. Wir haben gelernt, die Zeit und Grenzen anderer zu respektieren – das ist grundsätzlich gesund, aber manchmal schweigen wir lieber an einem schlechten Abend, nur um niemanden zu stören.

Dabei fühlt die andere Seite vielleicht genau dasselbe. Sie ruft auch nicht an, weil sie nicht stören will. So entsteht diese seltsame, gegenseitige Distanz, in der alle erreichbar sind und doch jeder ein bisschen allein ist.

Teenager-Mädchen sitzt über ihrem Handy

Unsere sozialen Netzwerke sind breiter, aber flacher geworden

Wir pflegen viele lockere Kontakte, aber nur wenige sind wirklich tief – und das ist nicht unbedingt unsere Schuld. Das Leben ist schneller geworden, Umzüge häufiger, Jobwechsel normaler, Gemeinschaften lockerer. Tiefe Beziehungen brauchen jedoch Zeit. Gemeinsame Erlebnisse, Wiederholungen, Stille, Konflikte und Versöhnungen. Das lässt sich nicht im Turbo-Modus aufbauen.

Wenn Beziehungen eher breit als tief sind, kann es leicht passieren, dass du an einem Sonntagnachmittag, wenn du endlich Zeit zum Reden hättest, den Raum trotzdem leer fühlst. Nicht, weil dich niemand liebt oder du wertlos bist, sondern weil echte Nähe nicht von der Anzahl der Kontakte abhängt.

Und vielleicht ist das Schwierigste an der ganzen Sache, dass wir diese Art von Einsamkeit oft schämen. Denn „was haben wir denn schon zu beklagen?“ Wir haben Arbeit, Bekannte, unser Leben läuft. Trotzdem fehlt etwas, das schwer zu benennen ist.

Menschliche dunkle Silhouetten mit einer blauen Figur dazwischen

Es ist wichtig zu sagen: Das passiert vielen von uns. Häufiger, als wir denken.

Dass du manchmal das Gefühl hast, niemanden zum Anrufen zu haben, ist kein Zeichen deines persönlichen Scheiterns. Es ist eher ein Hinweis darauf, dass du echte, tiefe Verbindung suchst. Dass jemand nicht nur sieht, was mit dir passiert, sondern es auch versteht. Vielleicht müssen wir manchmal den ersten Schritt machen, auch wenn es unangenehm ist. Jemanden ohne besonderen Grund anrufen. Eine Nachricht schreiben, die nicht praktisch, sondern ehrlich ist. Aussprechen:

„Jetzt wäre ein Gespräch wirklich schön.“

Und vielleicht helfen wir damit nicht nur uns selbst, sondern auch der anderen Person, die vielleicht genauso darauf gewartet hat, dass endlich jemand den ersten Schritt macht. Die neue Form der Einsamkeit ist heimtückisch, weil sie unsichtbar ist. Sie zeigt sich nicht durch eine leere Wohnung oder ein stummes Telefon. Sie ist voller Namen und Benachrichtigungen. Aber gerade deshalb ist sie auch etwas Gemeinsames. Wenn so viele von uns so fühlen, ist es kein individuelles Versagen, sondern eine Nebenwirkung unserer Zeit.

Und vielleicht beginnt die erste Erleichterung genau dort, wenn du merkst, dass das Gefühl, manchmal niemanden zum Anrufen zu haben, nicht nur in dir passiert. Irgendwo, auf einem anderen Sofa, schaut jemand genau so auf sein Handy und denkt dasselbe.

Über die Autorin

Margarete Wolf

Margarete Wolf schreibt über Beziehungen, Familie und die stille emotionale Wetterlage, die beides prägt. Sie interessiert sich für das, was andere auslassen — die Schwiegereltern, den Hund, die Freundschaft, die in den Dreißigern komisch wurde — und nimmt es genauso ernst wie die großen Themen.

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