Bedeutet eine spirituelle Haltung abgehobenen Glauben oder unsichtbares Wissen?
Ich kann nicht genau sagen, wann mich Spiritualität wirklich zu beschäftigen begann, aber vielleicht war sie immer schon da – mal näher, mal weiter entfernt. Als Kind verstanden wir unter „Spiritualität“ natürlich etwas ganz anderes. Damals war das Wort gleichbedeutend mit Tageszeitungs-Horoskopen, Teenager-Magazin-Vorhersagen und dem gemeinsamen Lachen mit Freundinnen darüber, wer nach Sternzeichen zu wem passt.
Dann kam das Leben: Hausbau, Arbeit, Nebenjob, Familie, Organisation, hektischer Alltag. Ein Tag jagte den nächsten, und die „unsichtbare Welt“ verschwand komplett aus meinem Blickfeld. Fast zehn Jahre lang beschäftigten mich nur greifbare Dinge – Termine, Aufgaben und Kindererziehung.
Und plötzlich schien alles langsamer zu werden. Meine Tochter wuchs heran, und ich begann zu bemerken, wie viel alte Muster und ungelöste Gefühle durch die Mutterschaft an die Oberfläche kamen. Immer öfter ertappte ich mich dabei, dieselben Situationen immer wieder zu erleben – nur diesmal in der Mutterrolle. Mir fiel auch auf, dass mich eine unsichtbare Angst überkam, wenn meine Tochter einen bestimmten Meilenstein erreichte. Es war, als würde sie meine unbearbeiteten Traumata „aktivieren“. Ich wusste, dass ich mich damit auseinandersetzen musste – nicht nur für meinen inneren Frieden, sondern auch, um das ganze Gepäck nicht weiterzugeben und das Leben nicht in einer Endlosschleife zu erleben.
Die Spiritualität tauchte wieder aus dem Hintergrund auf – nicht mehr als Horoskop, sondern als viel tiefere, innere Stimme in meinem Leben. Ich spürte, dass ich diese inneren Prozesse nicht länger unter den Teppich kehren konnte. Vielleicht war das der Moment, in dem Spiritualität nicht mehr etwas Äußeres und Unfassbares war, sondern zu meinem inneren Bedürfnis wurde.

Wenn etwas wirkt – nur weißt du nicht wie
Eines meiner tiefsten Erlebnisse auf diesem Weg war die Familienaufstellung, auch wenn ich sie ungern als spirituelles Werkzeug bezeichne, weil das ihr nicht gerecht wird. Aber wenn etwas wunderbar ist, dann ist es diese Methode! Wer schon einmal an einer von Fachleuten geleiteten Aufstellung teilgenommen hat, weiß, wie schwer es ist, die Erfahrungen in Worte zu fassen. Einen ganzen Tag lang arbeiten wir mit völlig fremden Menschen zusammen, die nichts über uns wissen – und doch spiegeln sie genau die Ereignisse unseres Lebens, die Gefühle unserer Liebsten und unsere unausgesprochenen Schmerzen wider. Es ist, als würde jemand tief in dein Unterbewusstsein leuchten und das Bild an die Wand projizieren.
Jedes Mal bin ich fasziniert, wie dieses ganze System, das morphogenetische Feld, funktioniert. Logisch kann ich es nicht erklären – es gibt nur Vermutungen –, aber es wirkt. Vielleicht liebe ich es so sehr, weil es zeigt, wie eng wir miteinander verbunden sind und dass wissenschaftliche Heilmethoden wunderbar mit spirituellen, schwer fassbaren Dingen harmonieren. Ich hoffe sehr, dass diese Methoden auch hierzulande bald mehr fachliche Anerkennung erhalten, denn Heilung geschieht nicht nur im Körper, sondern auch dort, wo Taten nicht mehr ausreichen.
Mit beiden Beinen auf dem Boden, den Kopf im Himmel
Ich gebe zu, oft ist es – auf eine fast groteske Weise – gerade die größte Herausforderung für mich, wenn ein System, das ich gerade kennenlerne, plötzlich funktioniert. Ich kann mich in Sekunden davon überzeugen, dass es nicht stimmt, und meinen skeptischen Teil hervorholen. So ging es mir zum Beispiel mit Pranayama. Zweimal erlebte ich, dass nach einer Behandlung meine Schmerzen nachließen und schließlich ganz verschwanden – obwohl ich zuvor monatelang Massagen, Schröpfen und Übungen ausprobiert hatte, die nichts halfen, ebenso wenig wie starke Schmerzmittel und Muskelrelaxantien. Trotzdem suchte mein rationaler Verstand sofort nach einer Erklärung (oder eher einem Gegenbeweis).
Es fällt mir schwer zu glauben, dass Heilung manchmal wirklich so funktionieren kann. Dass es nicht immer Medikamente, Geräte oder eine konkrete Diagnose braucht – sondern Aufmerksamkeit, Energie und Vertrauen, Liebe zu sich selbst. Gleichzeitig bin ich dankbar für meinen skeptischen Teil, denn er hält mich in der Realität verankert. Er lässt mich nicht in Wundererwartungen abdriften, verschließt aber auch nicht die Tür vor meinen Intuitionen und Erfahrungen.
Wo Glaube und Wissen zusammenkommen
Es ist mir schon oft passiert, dass ich mich für ganz unterschiedliche Selbsterfahrungsprogramme angemeldet habe und von unabhängigen Fachleuten genau dieselben Botschaften erhielt – nur anders formuliert und aus verschiedenen Blickwinkeln. Dann halte ich kurz inne, lächle und denke: Es ist wohl kein Zufall, dass ich das wieder höre. Vielleicht versucht das Leben, mir sanft eine Richtung zu zeigen – ich bin nur nicht immer still genug, um die Hinweise zu hören.
Für mich bedeutet Spiritualität keine Flucht aus der Realität, sondern im Gegenteil eine tiefere Verbindung zu ihr. Es ist kein Fliegen über den Wolken, sondern ein Eintauchen in mich selbst. Es geht nicht darum, alles zu glauben, sondern mehr zu fühlen und zu fragen.
Ich habe nicht das Gefühl, mich zwischen Wissenschaft und Spiritualität entscheiden zu müssen. Beides ist wichtig und kann wahr sein – nur sprechen sie unterschiedliche Sprachen. Die eine ist logisch, die andere intuitiv. Die eine verlangt Beweise, die andere Erfahrung – und vielleicht treffen sich diese Extreme irgendwo in der Mitte.











