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Disfrutar: Was uns Spanien über die Kunst des Genießens beibringen kann

Elisabeth Müller4 Min. Lesezeit
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Disfrutar: Was uns Spanien über die Kunst des Genießens beibringen kann — Lebensstil
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Wir alle kennen das: Der Tag fühlt sich an wie eine endlose To-do-Liste, die wir von morgens bis abends abarbeiten – und wenn wir endlich kurz innehalten, meldet sich sofort das schlechte Gewissen. Ich sollte produktiver sein. Ich sollte weitermachen. Ich sollte.

Auf einer Reise nach Spanien – noch vor dem großen Ansturm der Sommersaison – ist mir etwas aufgegangen, das ich so nicht erwartet hatte. Fernab der Touristenmassen, mitten im entspannten Alltag der Einheimischen, habe ich eine ganz andere Art zu leben kennengelernt. Die Spanier nennen es einfach disfrutar – die reine, unschuldige Freude am Leben.

Lektion 1: Mañana – warum nicht alles sofort erledigt werden muss

Ich war schon auf einigen spanischen Inseln und hatte auch den Süden des Landes kurz gestreift. Aber erst diesmal habe ich wirklich verstanden, wie anders Zeit sich anfühlt, wenn man aufhört, gegen sie anzukämpfen.

In Spanien geht die Sonne später auf und später unter – und die Menschen haben sich mit einer entspannten Selbstverständlichkeit daran angepasst, die uns Mitteleuropäern fast fremd erscheint.

Mein eingefahrener Morgenrhythmus trieb mich trotzdem schon vor sieben Uhr an den Strand. Außer ein paar Möwen war dort niemand. Erst nach einigen Tagen ließ ich mich auf den lokalen Takt ein und schlenderte erst nach acht los – und auch dann begegnete mir kaum jemand außer ein paar Hundebesitzern, die sich beim näheren Hinsehen fast alle als zugezogene Ausländer entpuppten. Die Spanier schliefen noch oder saßen hinter heruntergelassenen Jalousien bei ihrem ersten Kaffee. Kein Stress, keine Eile – sie wussten: Der Tag ist lang, es bleibt Zeit für alles.

Lektion 2: Siesta – die Kunst des bewussten Innehaltens

Was wir als Faulheit abtun würden, ist in Spanien der bewusste Beginn eines durchdachten Tagesrhythmus. Wenn die Mittagshitze ihren Höhepunkt erreicht, schalten die Menschen einen Gang zurück – und das ohne jede Entschuldigung.

Es war faszinierend zu beobachten, wie mitten am Tag die Rollläden heruntergehen und die Welt für ein paar Stunden verstummt. Restaurants an der Küste öffnen oft erst gegen halb acht oder acht Uhr abends. Selbst internationale Supermarktketten nehmen es nicht so genau mit den Öffnungszeiten – und niemand regt sich darüber auf. Regale werden aufgefüllt, während Kunden schon durch die Gänge schlendern. Der Arbeitstag beginnt dann eben wirklich, wenn er beginnt.

Die Siesta lehrt uns etwas Fundamentales: Unsere Arbeit ist nicht der einzige Sinn unserer Existenz – sie ist nur ein Teil des bunten Ganzen, das wir Leben nennen. Wer das einmal wirklich verinnerlicht hat, schaut auf seinen Terminkalender mit anderen Augen.

Lektion 3: Sobremesa – die heilsame Kraft des Zusammensitzens

Es gibt noch ein weiteres wunderschönes spanisches Wort: sobremesa. Es beschreibt jene Zeit nach dem Essen, in der die Gesellschaft noch stundenlang am Tisch bleibt – plaudert, lacht, Gedanken teilt – und niemand auch nur daran denkt, aufzustehen und abzuwaschen.

Ich gebe zu: Diese Gelassenheit konnte ich mir in einer einzigen Woche nicht vollständig aneignen. Der Entdecker in mir wollte immer weiter, immer mehr sehen. Aber allein der Anblick – Menschen, die so entspannt und unverkrampft existieren – hat etwas in mir berührt und geheilt. Besonders unvergesslich war der Moment, als uns der Kellner um neun Uhr abends mit der größten Selbstverständlichkeit fragte, ob wir zum Dessert noch einen Espresso möchten.

Lektion 4: Paseo – die Freude an der Bewegung ohne Zwang

In den letzten Jahren haben wir Bewegung zu einer Pflichtaufgabe gemacht – etwas, das auf die Liste muss, das Schweiß im Fitnessstudio bedeutet, Kalorienzählen und den ständigen Blick auf die Schrittzähler-App. An den spanischen Stränden habe ich etwas völlig anderes erlebt.

Während ich dort saß, bemerkte ich, dass dieselben Menschen immer wieder an mir vorbeizogen. Nicht einmal – mehrmals. Ich begann, genauer hinzuschauen: Auf den endlos wirkenden Strandpromenaden liefen Menschen jeden Alters, jedes Geschlechts, jeder Körperform auf und ab. Knöcheltief im kühlen Meerwasser, Kilometer um Kilometer, während sie mit ihrer besten Freundin oder ihren Liebsten über die großen und kleinen Dinge des Lebens lachten.

Bewegung ist hier keine Pflicht – sie ist der selbstverständliche Hintergrund des Lebens.

Das Gehen im nassen Sand und der Widerstand des Wassers trainieren die Muskeln sanft, aber wirkungsvoll, regen den Kreislauf an und massieren die Fußsohlen. Wenn die fröhlich Plaudernden am Ende ihrer Runde ankommen, haben sie acht- bis zehntausend Schritte zurückgelegt – ohne ein einziges Mal auf die Uhr geschaut zu haben.

Im Flugzeug auf dem Heimweg dachte ich: Diese Leichtigkeit ohne Uhr und ohne Zwang – die hätte ich gerne eingepackt. Dabei muss man gar nicht nach Spanien fliegen, um mittags ohne schlechtes Gewissen den Rollladen herunterzuziehen oder sich nach dem Abendessen einfach am Tisch zu verlieren.

Die vier Lektionen aus Spanien kreisen letztlich um eine einzige, große Wahrheit: Das Leben soll nicht kontrolliert werden – es soll gelebt werden.

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