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Fünf Monate im Wald gelebt – Was ich über Schönheit gelernt habe

Margarete Wolf5 Min. Lesezeit
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Fünf Monate im Wald gelebt – Was ich über Schönheit gelernt habe — Lebensstil

Kirschkerne aus dem Fenster eines fahrenden Autos zu spucken, ist überraschend anspruchsvoll. Es reicht nicht, sie einfach auszuspucken – man muss die richtige Balance zwischen Kraft und Ziel finden, sonst bringt der Wind sie zurück, als wäre es ein spielerischer Kuss, der zu dir zurückkehrt. Diese kleine, langsame Tätigkeit passt perfekt zu den sengend heißen Sommertagen, wenn die Oberschenkel unter der Sonnencreme am Sitz kleben und die Zeit gleichzeitig träge und unendlich wird. In solchen Momenten fühlt sich jede kleine Sache, wie ein Sprung in den eiskalten Bach, wie Heimkehr an – als würden Körper und Seele wieder ein Zuhause finden.

An diesen Tagen machte ich mich oft auf den Weg zu einem geheimen Badeplatz. Er war nicht ausgeschildert, für die Außenwelt bedeutungslos, doch für mich wurde er zu einem wichtigen Ort – kein Ziel in Reiseführern, aber ein Meilenstein für mich. Auf der Karte wäre es vielleicht nur ein winziger Punkt gewesen, doch dort entdeckte ich mich selbst neu. Als Sommerfotografin arbeitete ich in einem Camp, wo ich täglich die Schönheit der Natur und die Freude der Kinder festhielt.

Meine Speicherkarte füllte sich mit Lächeln, Entdeckungen und jugendlichen Momenten. Doch auch außerhalb der Arbeitszeit hatte ich dieselbe offene Sicht wie die Kinder. Ich stand am Beginn des Erwachsenwerdens, voller Unsicherheiten, und fand mich in einer Gemeinschaft wieder, in der jede Gewohnheit und Regel eine neue Bedeutung bekam. Fernab von Stadt, Werbung und ständigen Erwartungen konnte man neu definieren, was es heißt, man selbst zu sein.

Der Wald wurde für Monate mein Zuhause. Dort lernte ich wirklich, wie anders das Leben sein kann, wenn der ständige Druck, „zu gefallen“, verschwindet. Zu Hause verbrachte ich Tage damit, meine Kleidung auszuwählen, meine Haare zu glätten, die Locken zu verstecken, die ich nicht in den Griff bekam. Obwohl ich selten Make-up trug, vermittelte mein Umfeld oft, dass ohne etwas nicht stimmte. Als Teenager wollte ich dazugehören und lernte, dass die Meinung der Außenwelt zählt. Also glättete ich meine Haare, tuschte meine Wimpern und ließ zu, dass andere meinen Wert bestimmten. Deshalb sagte ich sofort ja zum Sommer im Wald. Der Gedanke, der Außenwelt zu entfliehen, dem Einheitsbrei der Vorstadt und den Erwartungen zu entkommen, war wie Erlösung. Ich dachte, die Natur würde mich von allem befreien und endlich keinen Druck mehr auf mich ausüben. Doch so kam es nicht ganz.

Was ich stattdessen bekam, war etwas anderes – eine neue Art von Schönheit. Nicht die perfekte Schönheit aus Modemagazinen, sondern etwas viel Ursprünglicheres, Ehrlicheres. Im Nachmittagslicht sah ich mich und die Frauen um mich herum strahlender als je zuvor. Nicht, weil es das erste Mal in der Natur war, sondern weil die wertenden Blicke verschwanden. Keine kritischen Augenpaare mehr, keine Bildschirme, an denen man sich messen musste. Der Schweiß und das Sonnencreme-Glänzen wirkten nicht unangenehm, sondern echt funkelnd.

Das im Fluss getauchte, zerzauste Haar wurde plötzlich attraktiver als jede Frisur, die ich je geglättet hatte. Sommersprossen und sonnengeküsste Gesichter strahlten eine Schönheit aus, die kein Make-up erreichen kann.

Das Badehaus war der Ort, an dem die Mädchen täglich zusammenkamen. Dort besprachen wir das Mittagessen, tauschten Kleidung, reichten Glitzergels und Haarcremes weiter, wenn wir uns für den Abend fertig machten. Spiegel und Kosmetik verschwanden nicht ganz aus unserem Leben, aber sie bestimmten nicht mehr unseren Alltag. Am erstaunlichsten war, dass Entscheidungen, die gegen Regeln verstießen, am meisten Aufmerksamkeit bekamen. Wenn jemand einen Vokuhila trug, sich die Beine nicht rasierte oder ein Seidenkleid zu Wanderschuhen kombinierte, wurde das nicht nur toleriert, sondern gefeiert.

Die Camp-Leiterinnen zogen die Kinder bewusst so auf, dass sie lernten, alles, was sie an ihrem Körper sehen, sei nicht nur normal, sondern schön. Die Wände des Badehauses schmückten bunte Schilder, die seit Jahrzehnten verkündeten, dass hier Frauen gelernt haben, sich selbst und ihren Körper zu lieben. Eine Zeit lang glaubte ich wirklich, ich hätte mich von Erwartungen befreit. Dass ich endlich die Grenzen der Schönheit überwunden hätte. Doch mit der Zeit erkannte ich, dass auch das, was ich dort schön fand, nur ein neuer Idealtyp war.

Sommersprossen, zerzaustes Haar, natürliche Selbstsicherheit wurden langsam genauso zu Maßstäben wie zuvor Make-up oder perfekte Frisuren. Unter Menschen entstehen immer neue Normen, egal ob in der Stadt oder im Wald. Die Frage ist nur, ob diese Normen uns unterstützen oder einschränken. Am Ende warf ich den Spiegel nicht komplett weg. Ich gab nicht alles auf, was die Außenwelt vorgab. Ich lernte nur, dass diese Dinge meinen Wert nicht bestimmen müssen. Ich kann entscheiden, wann ich Make-up trage und wann nicht, wann ich meine Haare natürlich trocknen lasse und wann ich sie stylen möchte.

Die Wahl liegt endlich bei mir. Fehlt die Balance, kehren Erwartungen wie ein Bumerang zurück – wie ein Kirschkern, den du ausspuckst und der vom Wind zurückgebracht wird. Lass sie los, lass sie woanders Wurzeln schlagen. Und erlaube dir selbst, dich zu verändern, zu wachsen und immer wieder neu zu entdecken, was Schönheit für dich bedeutet.

Über die Autorin

Margarete Wolf

Margarete Wolf schreibt über Beziehungen, Familie und die stille emotionale Wetterlage, die beides prägt. Sie interessiert sich für das, was andere auslassen — die Schwiegereltern, den Hund, die Freundschaft, die in den Dreißigern komisch wurde — und nimmt es genauso ernst wie die großen Themen.

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