Mikroaggressionen sind kleine, oft unbewusste Bemerkungen, Gesten oder Verhaltensweisen, die andere verletzen können. Sie basieren häufig auf rassistischen, sexistischen, homophoben oder anderen Vorurteilen und sind schwer greifbar – trotzdem spüren wir, wenn etwas nicht stimmt.
In meinem Leben begegne ich solchen Situationen leider regelmäßig – am Arbeitsplatz, bei gesellschaftlichen Anlässen und sogar bei Familienfeiern. Das Schwierige daran: Sie treten selten als offene Angriffe auf, sondern versteckt, oft getarnt als Witz.
Mikroaggressionen im Alltag
Bei einem früheren Job zum Beispiel, als ich bei einer Besprechung klar für eine Projektidee argumentierte, sagte ein männlicher Kollege halb lächelnd: „Da kommt die kleine Chefin wieder raus.“ Ich lachte mit, doch innerlich zog sich mein Magen zusammen.
Er vermittelte, dass meine Selbstsicherheit keine berufliche Stärke, sondern eine Störung sei: ein Überschreiten meiner Rolle und der Grenzen meiner Weiblichkeit, was andere so verunsichert, dass sie es mit einem Witz auflockern müssen.
Die harmlose scheinende Aussage bedeutete: Du erlaubst dir mehr, als es einer Frau zusteht.
Solche Bemerkungen kommen auch in geselligen Runden häufig vor. Bei einem Freundschaftsgespräch machte jemand einen vermeintlich lustigen Kommentar, weil jemand in den 8. Bezirk nach Hause wollte. Die Pointe war, dass man dort vorsichtig sein müsse, weil viele Roma dort leben – und es angeblich nach Einbruch der Dunkelheit gefährlich sei. Es war keine offene Aggression, keine direkte Beleidigung, kein „Zigeuner“-Vorwurf, trotzdem fühlte ich, dass das nicht okay ist. Nicht okay, dass solche Dinge unausgesprochen bleiben, weil alle denken, wir hätten ein gemeinsames Verständnis, das diesen „Witz“ erklärt.
Mir ist wichtig, in solchen Momenten nicht schweigend zuzusehen. Schweigen wirkt oft wie Zustimmung. Und obwohl ich weiß, dass jede Intervention riskant ist und unangenehme Situationen schaffen kann, sehe ich es als meine Pflicht, zu reagieren.

Die beste Strategie: Nachfragen
Meine effektivste Methode ist, nicht anzugreifen, sondern nachzufragen.
Im genannten Fall habe ich die Person einfach gebeten, zu erklären, was sie meinte. Zum Beispiel: „Wie genau hast du das gemeint?“ oder „Entschuldige, ich habe den Witz nicht verstanden. Kannst du erklären, warum du das lustig findest?“
Diese Strategie funktioniert aus mehreren Gründen: Ich unterstelle nichts, was Abwehrreaktionen mindert. Und oft reicht es schon, wenn die andere Person ihre Gedanken aussprechen muss – dann merkt sie selbst, dass das Gesagte verletzend war.
Das heißt nicht, dass sofort alle ihr Verhalten überdenken oder jeder Konflikt sich auflöst. Aber es schafft Klarheit: Solche Bemerkungen sind nicht in Ordnung.
Besonders wichtig ist mir, nicht nur für mich selbst einzustehen. Wenn bei einer Arbeitssitzung jemand sexistische Witze auf Kosten einer Kollegin macht oder in einer Gruppe rassistische Kommentare fallen, trage ich als Zuhörerin und Zeugin Verantwortung. Solche Situationen betreffen nicht nur das „Opfer“, sondern auch das Klima, das wir um uns herum zulassen.
Mikroaggressionen zu erkennen und zu adressieren ist keine einfache Aufgabe, oft sind die Situationen komplex. Doch wenn wir sensibel für unsere eigenen und die Grenzen anderer sind, höflich und bestimmt reagieren und nicht schweigen, nur um nicht „zu empfindlich“ zu wirken, können wir nach und nach die Umgebung gestalten, in der wir leben möchten. Ich glaube daran, dass wir eine Welt schaffen können, in der nicht unausgesprochene Vorurteile, sondern Empathie und Respekt unsere Gemeinschaft zusammenhalten.











