Wer zur Generation X gehört, merkt spätestens ab Mitte dreißig, wie anders er oder sie wirklich ist – anders als die Eltern, anders als erwartet, und oft: anders als die Gesellschaft es sich gewünscht hätte.
Das Tabu
Die Generation X – also alle, die zwischen 1965 und 1980 geboren wurden – ist eingeklemmt zwischen Babyboomern und Millennials. Wir sind in einer analogen Welt aufgewachsen und ins Erwachsenenleben gestolpert, als das Digitale alles auf den Kopf stellte. Vieles, was wir gelernt hatten, war plötzlich überholt.
Meine Mutter gehörte noch zu jenen Frauen, denen beigebracht wurde: Eine gute Ehefrau hält das Haus in Ordnung und bewahrt den Frieden – koste es, was es wolle. Sie hat ihr eigenes Leben dafür geopfert. Ihre Kinder kamen immer zuerst, ihr eigenes Glück war zweitrangig. Eine Scheidung? Das kam für sie nie infrage. Als sie erfuhr, dass ich mich scheiden lasse, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen: „Um Gottes willen, was wird jetzt aus meinem Enkelkind?" Ich sagte ihr: Es bekommt eine ruhigere, glücklichere Mutter – die es genauso liebt wie zuvor.
Wenn es reicht
Meine Mutter war heimlich froh, dass ich meinen Mann verlassen habe – denn sie hatte diese Möglichkeit damals nie. Oder vielleicht fehlte ihr der Mut dazu. Ich habe einen Mann verlassen, der meine Geduld irgendwann als Freifahrtschein missverstanden hat. Meine Großzügigkeit wurde zur Selbstverständlichkeit, meine Freundlichkeit zur Einbahnstraße. Ich verschwende meine Energie nicht länger dort, wo sie nicht erwidert wird.
Auf Nerven gebaut
Mein Vater liebte mich – darin war er ein guter Vater. Als Ehemann war er jedoch kaum zu ertragen, und meine Mutter hat das ausgebadet. Er meckerte den ganzen Tag: über Kollegen, den Nachbarn, das Wetter, das Essen, die Politik, das Auto. Seit er in Rente ist, hat er aus Langeweile angefangen zu trinken – was ihn nicht beruhigt, sondern noch reizbarer macht.
Meine Mutter bewegt sich seit Jahrzehnten auf Zehenspitzen um ihn herum, erfüllt jeden Wunsch, wartet auf den nächsten Ausbruch. Ihre Hände zittern – die Nerven sind nach all den Jahren des Schweigens zerrüttet. Sie nimmt Tabletten, damit sie nicht zusammenbricht. Und trotzdem hält sie ihre Ehe für einen Erfolg, weil sie nie geschieden wurden und die Kinder großgezogen haben.
Mehr Möglichkeiten
Ich bin dankbar, dass ich deutlich mehr Optionen hatte als die Generation meiner Mutter. Wir sind in viel größerer Zahl zur Universität gegangen, hatten bessere Berufschancen, mussten finanziell nicht von unseren Männern abhängig sein. Und das spiegelt sich wider: Wir sind nicht bereit, so viel zu ertragen wie unsere Mütter es mussten.
Wer sich fragt, warum Frauen heute schneller Grenzen ziehen, findet die Antwort oft in der eigenen Kindheit – und darin, was wir damals still beobachtet haben.
Das Stigma der Scheidung
Eine Scheidung war damals noch ein echter Makel. Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit unter all unseren Bekannten nur eine einzige geschiedene Frau gab. Sie hieß Ildi, eine Kollegin meiner Mutter. Wann immer ihr Name fiel, wurde sie als „die Geschiedene" bezeichnet – als hätte sie eine ansteckende Krankheit.
Die Generation meiner Mutter hat alles ertragen, weil eine gute Ehefrau ihrem Mann alles verzieh und eine gute Ehe vor allem eine lange Ehe war. Unsere Generation hat begonnen, Grenzen zu setzen – noch nicht so konsequent wie die Millennials, aber wir wurden nicht mehr bespuckt, wenn wir einen nutzlosen Mann verließen. Dafür bin ich wirklich dankbar.
Software-Update dringend erforderlich
Mit 38 wurde mir klar: Ich bin nicht zu wenig verständnisvoll – ich verschwende meine Freundlichkeit nur nicht mehr an jemanden, der sie nicht verdient. Mein Mann steckte in der Vergangenheit fest und funktionierte genauso wie sein Vater und dessen Vater vor ihm. Wenn ich über unsere Probleme sprechen wollte, winkte er ab – typisches Frauengejammer, er wartete einfach darauf, dass ich mich beruhige.
Als ich ihm sagte, dass ich mich scheiden lasse, traf es ihn wie ein Schlag. Es war ihm schlicht nicht in den Sinn gekommen, dass das möglich sein könnte. Ich sagte ihm nur: Es tut mir leid, dass deine Software nie ein Update bekommen hat. Willkommen im 21. Jahrhundert.
Eine gute Frau verzeiht alles
Treue, Geduld, Toleranz – das waren die Tugenden einer guten Ehefrau. Sie sind es heute noch, aber wir trauen uns, sie auch mal über Bord zu werfen. Als Mädchen haben wir beobachtet, was unsere Mütter neben unseren Vätern ausgehalten haben – und wir haben früh gewusst: So wollen wir nicht leben.
Wir wollen keinen Versorger. Wir wollen einen liebenden Partner auf Augenhöhe. Dass das Männer unserer Generation bis heute überrascht, sagt eigentlich alles.











