Mit 62 Jahren setzte sich meine Mutter an den Küchentisch, breitete die alten Familienpapiere vor mir aus und sagte, es sei an der Zeit, dass ich es erfahre. Mein ganzes Leben lang war ich Edit gewesen – im Kindergarten, in der Schule, im Büro, und mein Mann hatte mich vierzig Jahre lang so gerufen. Dann erfuhr ich, dass dieser Name in meiner Taufurkunde gar nicht steht.
Die Wahrheit lag in einer alten Holzschachtel
Einige Monate vor ihrem Tod begann meine Mutter, ihre Papiere zu ordnen. Sie wollte nicht, dass ich nach ihrem Tod alleine mit allem konfrontiert werde – sie wollte es mir selbst erzählen, solange sie noch konnte. In einer Holzschachtel bewahrte sie alte Dokumente auf, darunter meinen Taufauszug aus der Pfarrei der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Auf dem Papier stand nicht Edit, sondern ein anderer Name – ein altmodischer Name aus der Generation meiner Großmutter, den ich in meinem Leben nie als meinen eigenen gehört hatte.
Es stellte sich heraus: Meine Großmutter, eine tiefgläubige Frau, hatte darauf bestanden, dass ich nach ihrer verstorbenen Tante benannt werde, die als junge Frau bei einem Brand ums Leben gekommen war. Meine Eltern hatten sich jedoch einen moderneren Namen gewünscht, der besser zum Zeitgeist des späten Sechzigerjahre passte. Am Tag der Taufe fragte der Pfarrer, wie das Kind heißen solle – und mein Vater geriet in Verlegenheit. Er nannte schließlich den Namen, den die Großmutter wollte, weil er seine eigene Mutter nicht mitten in der Zeremonie verletzen wollte. Doch kaum waren sie zu Hause, kehrten meine Eltern zu ihrer ursprünglichen Idee zurück und ließen beim Standesamt den Namen Edit eintragen.
Die beiden Dokumente – das kirchliche und das staatliche – stimmten nie überein. Nur sprach niemand darüber, und mit der Zeit vergaß die Familie das Thema – oder begrub es lieber.
Sechzig Jahre im Schatten eines anderen Namens
Sechzig Jahre lang hatte ich einen Namen getragen, den ich liebte. Und nun erfuhr ich, dass irgendwo in einem Kirchenbuch eine andere Person auf mich wartet – genauso ich, nur eine, die ich nie kennengelernt hatte.
Als meine Mutter mir das erzählte, weinte ich nicht. Eine merkwürdige, kühle Stille legte sich über mich. Ich fragte, warum sie nicht früher gesprochen hatte. Sie sagte nur, dass sie sich in den Jahren, als meine Großmutter noch lebte, nicht getraut hatten, die Sache aufzurühren – und danach wurde es mit jedem Jahr schwerer, ein so altes, so schweres Thema anzusprechen. Einen Moment lang war ich wütend, nicht wirklich wegen des Namens, sondern weil ich fünfzig Jahre lang in einer Unwahrheit gelebt hatte, ohne es zu wissen. Aber als ich die handgeschriebene Eintragung betrachtete, die verblasste Tinte, verstand ich irgendwie: Das war keine Lüge. Es war eine Entscheidung, die ein überrumpeltes, erschöpftes junges Paar an einem Sonntagnachmittag getroffen hatte – und zu der sie nie den Mut fanden zurückzukehren.
Ich fand meinen Namen im alten Kirchenbuch
Ich fuhr in die Pfarrei, in der ich getauft worden war, um nachzusehen, ob der ursprüngliche Eintrag noch vorhanden war. Er war es – in einem alten, ledergebundenen Buch, handgeschrieben, mit leicht kantiger Schrift. Ich stand in der Sakristei und starrte auf diesen anderen Namen, der nie wirklich meiner geworden war – und der dennoch dort stand, als hätte er irgendwo ein Parallelleben für mich geführt. Der Pfarrer, ein älterer Herr, der meine Familie nicht kannte, bemerkte nur beiläufig, dass solche kleinen Abweichungen früher häufig vorkamen und viele Menschen gar nicht wussten, welcher ihrer Namen der „echte" war.
Mein Mann sagte: Das ändert gar nichts
An einem Abend, nachdem die Kinder schlafen gegangen waren, erzählte ich meinem Mann alles. Er lachte eher, sagte, es sei ihm egal, ob ich Edit heiße oder anders – er nennt mich sowieso so, wie er mich schon immer gekannt hat. Das beruhigte mich. Aber die Frage blieb in mir: Wäre mein Leben mit dem anderen Namen anders verlaufen? Wäre ich ein anderer Mensch geworden, wenn das Wort des Pfarrers Bestand gehabt hätte und nicht der Standesamtseintrag?
Zwei Namen, ein einziges Leben
Heute ist die Holzschachtel bei mir. Sie steht oben auf dem Schrank, darin liegen die beiden Papiere nebeneinander. Manchmal, wenn ich allein zu Hause bin, nehme ich sie heraus und lese diesen anderen Namen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, mit ihm aufzuwachsen. Er fehlt mir nicht, und es tut auch nicht mehr so weh wie in den ersten Wochen. Es ist eher wie das Foto eines Verwandten, den ich nie kennengelernt habe – und der trotzdem zu mir gehört.
Wie häufig kamen solche Namensdiskrepanzen früher vor?
Laut dem Pfarrer, der die alte Taufurkunde einsah, waren solche Abweichungen zwischen kirchlichem und standesamtlichem Eintrag früher keine Seltenheit – besonders in ländlichen Gemeinden, wo familiäre und religiöse Erwartungen oft in Konflikt gerieten.
Kann man heute noch herausfinden, welcher Name in der eigenen Taufurkunde steht?
Ja – die meisten Pfarreien archivieren ihre Taufbücher über Jahrzehnte, oft sogar Jahrhunderte. Ein persönlicher Besuch oder eine schriftliche Anfrage an die zuständige Pfarrei genügt in der Regel, um eine Kopie des Eintrags zu erhalten.
Was macht ein solches Familiengeheimnis mit einem?
Wie die Erzählerin beschreibt, folgt auf den ersten Schock oft keine Wut, sondern eine stille Nachdenklichkeit – das Gefühl, eine unbekannte Version des eigenen Lebens zu entdecken, die irgendwo immer parallel existiert hat.











