Meinungsartikel: Barbara Weber
Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal in einer Therapeutenpraxis saß, glaubte ich genau zu wissen, warum ich dort war. Ich wollte mich nicht selbst „reparieren". Ich wollte meine Kindheit nicht sezieren. Ich wollte einfach nur eine bessere Beziehung zu meinen Eltern.
Ich hoffte, dass ich mich ihnen annähern könnte, wenn ich die Vergangenheit endlich verstehe, alte Verletzungen aufarbeite und lerne, gesünder zu kommunizieren. Ich glaubte, es würde einen Moment geben, in dem wir uns zusammensetzen, ehrlich reden – und sie zuhören würden. Keine dramatische Entschuldigung. Keine Selbstgeißelung. Nur ein bisschen Neugier darauf, wie sich unsere gemeinsame Geschichte von meiner Seite angefühlt hat.
Therapie war harte, schmerzhafte Arbeit
Nicht weil meine Therapeutin ständig in der Vergangenheit gewühlt hätte – sondern weil ich nach und nach auf Dinge schauen musste, die ich lieber beiseitegeschoben hatte. Ich musste mir eingestehen, dass bestimmte Erlebnisse wirklich wehgetan haben. Dass es Lücken gibt, die sich nicht mit dem Satz „In jeder Familie gibt es Probleme" wegwischen lassen. Dass Liebe und Verletzung einander nicht ausschließen.
In den schwierigsten Momenten, wenn ich am liebsten weggeschaut und mich in Verleugnung geflüchtet hätte, hielt mich ein Bild aufrecht: dass ich eines Tages eine wirklich ehrliche, offene Beziehung zu meinen Eltern haben würde – eine, in der sie meine engsten Vertrauten sein könnten.
Jahre lang habe ich mich auf dieses eine Gespräch vorbereitet, von dem ich glaubte, es würde uns einander näherbringen. Vielleicht war es genau deshalb so schmerzhaft, als ich am Ende nicht das bekam, worauf ich gehofft hatte.
Keine Neugier empfing mich. Kein Dialog. Kein gemeinsames Suchen nach Lösungen. Stattdessen: Gekränktheit. Märtyrerpose. Sätze, die mir das Gefühl gaben, nicht meinen Schmerz ansprechen zu dürfen – sondern sie trösten zu müssen, weil ich das Thema überhaupt angesprochen hatte. Als wäre das Problem nicht das, was passiert war, sondern dass ich darüber reden wollte.
In solchen Momenten neigt man dazu, es noch mehr zu versuchen. Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Vielleicht war es der falsche Zeitpunkt. Vielleicht muss ich noch geduldiger sein. Vielleicht, wenn ich es besser erkläre...
Lange habe ich genau das getan. Immer wieder denselben Kreislauf durchlaufen, jedes Mal in der Hoffnung, dass es diesmal anders ausgeht. Dass ich, wenn ich nur empathisch genug, verständnisvoll genug, ruhig genug bin, endlich irgendwo ankommen würde.
Eine Beziehung kann kein Mensch allein reparieren
Dann wurde mir langsam etwas klar, das ich zunächst nicht wahrhaben wollte. Eine Beziehung kann kein Mensch allein heilen. So sehr ich es mir auch wünschte – ich kann keine Selbstreflexion für andere übernehmen. Ich kann keine Verantwortung für Dinge tragen, die ich nicht getan habe. Ich kann Offenheit, Selbstwahrnehmung oder die Bereitschaft zur Veränderung nicht erzwingen.
Und die vielleicht schwerste Erkenntnis: Nur weil etwas möglich wäre, bedeutet das nicht, dass es jemals geschehen wird.
In der Therapie habe ich am Ende nicht gelernt, wie ich unsere Beziehung repariere. Sondern wie ich den Traum loslasse, dass sie eines Tages so sein wird, wie ich sie mir immer gewünscht habe. Mit diesem Ausgang hatte ich nicht gerechnet – aber er hat mein Leben auf seine eigene Art besser gemacht.
Denn solange ich krampfhaft an dieser Fantasie festhielt, trug jede Begegnung das Potenzial einer neuen Enttäuschung in sich. Von jedem Gespräch erwartete ich den großen Durchbruch. Nach jedem Scheitern zerbrach ich ein kleines Stück mehr.
Als ich aber begann, die Realität so anzunehmen, wie sie ist, hörte dieser innere Kampf auf. Das bedeutet nicht, dass es nicht mehr wehtut. Nicht, dass alles in Ordnung ist. Und schon gar nicht, dass ich irgendjemanden von seiner Verantwortung freigesprochen habe.
Es bedeutet nur: Ich möchte mein Leben nicht mehr darauf aufbauen, dass andere Menschen sich irgendwann verändern werden. Meine Eltern sind, wer sie sind. Unsere Beziehung ist, was sie ist. Vielleicht wird sie nie so vertraut, so tief oder so ehrlich sein, wie ich es mir erhofft habe. Aber heute fühle ich es nicht mehr als meine Pflicht, das um jeden Preis zu reparieren.
Was mir am Ende Frieden gebracht hat, war nicht, dass es mir gelungen ist, meine Eltern zu verändern. Sondern dass ich aufgehört habe, das Unmögliche zu versuchen – und akzeptiert habe, dass ich von hier aus weiterbauen muss.











