Wenn mal nicht alles nach Plan lief, war ich genervt und etwas niedergeschlagen, aber ich dachte nie, meine Fehler wären fatal. Obwohl Perfektionismus grundsätzlich eine positive Eigenschaft ist, zeigen Forschungen, dass er zu einer langen Liste von gesundheitlichen Problemen führen kann.
Perfektionismus betrifft bereits sehr junge Menschen und wird immer verbreiteter. Zwei von fünf Kindern sind Perfektionisten und leiden zunehmend unter ernsthaften gesundheitlichen Problemen. Das bedeutet nicht, dass die Wünsche jeder Generation mehr erfüllt werden, sondern dass wir kränker, trauriger werden und unsere Möglichkeiten immer weniger nutzen.
Traditionell gilt Perfektionismus als positive Eigenschaft. Das Streben nach Perfektion ist letztlich ein Selbstschutzmechanismus, mit dem wir die Welt meistern: Es bringt Entwicklung in unser Leben, doch die Angst vor Fehlern kann unsere persönlichen Ziele erschweren.
Der Nachteil von Perfektionismus ist nicht nur, dass wir unser bestes, erfolgreichstes Selbst nicht zeigen können, sondern er kann auch zu Depressionen, Ängsten, Zwängen, Essstörungen, Schlaflosigkeit, chronischen Kopfschmerzen sowie zu vorzeitigem Tod oder Suizid führen.
Studien zeigen: Je stärker der Perfektionismus, desto häufiger leiden Betroffene an psychischen Störungen.
Der Widerspruch liegt darin, dass es gesunden Perfektionismus gibt, geprägt von hohen Standards, starker Motivation und Disziplin, aber auch den sogenannten ungesunden Perfektionismus, bei dem nie etwas gut genug ist und Ziele deshalb nicht erreicht werden – was Frustration verursacht.
Perfektionismus ist keine Verhaltensweise, sondern eine Art, wie du über dich selbst denkst. Forscher sagen, dass das Streben nach Exzellenz nicht gleich Perfektionismus bedeutet, sondern eher Gewissenhaftigkeit. Für gewissenhafte Menschen ist dieser Prozess das Ergebnis einer kritischen inneren Stimme, die kein unerreichbares Ziel setzt. Wenn ein Schüler, der viel gelernt hat, eine schlechtere Note bekommt als erwartet und sich sagt: „Ich bin enttäuscht, aber es ist okay, ich bin trotzdem ein guter Mensch.“, ist das gesund. Wenn er aber denkt: „Ich bin nicht gut genug“, ist das ungesunder Perfektionismus.

Die innere Stimme kritisiert bei jedem etwas anderes: unsere Arbeit, Beziehungen, Sauberkeit, Fitness – und das ist bei jedem individuell. Gewissenhafte Menschen finden verschiedene Wege, mit Hindernissen umzugehen, während Perfektionisten selbst kleine Schwierigkeiten als Stress erleben und deshalb öfter scheitern. Sie kämpfen mit mehr Schuldgefühlen und Scham und geben schneller auf, wenn etwas trotz Anstrengung nicht perfekt gelingt – und berauben sich so auch des Erfolgs.
Eine Studie untersuchte auch Sportler, bei denen Erfolg allein vom Training abhängt. Wenn das Training nicht gut läuft, geben Perfektionisten einfach auf. Die öffentliche Bloßstellung von Unvollkommenheit führt zu Schamgefühlen – so kann sich ein Teufelskreis für den leistungsorientierten Sportler entwickeln.
Die WHO berichtet, dass immer mehr junge Menschen an psychischen Erkrankungen leiden, wie Depressionen und Ängsten. Suizidversuche sind in den USA, Kanada und Großbritannien deutlich häufiger als noch vor zehn Jahren.
Die zunehmende Selbstkritik kann zu depressiven Symptomen führen, die die Selbstkritik noch verstärken – so gerät man in eine Abwärtsspirale.
Eine Studie fand heraus, dass Studierende mit sozialen Problemen und Anpassungsschwierigkeiten eher zu gesundheitsschädlichem Perfektionismus neigen.
Ein Teil der Suizide ist ebenfalls eine Folge von Perfektionismus. Depressive Perfektionisten denken viel häufiger an Suizid. Studien zeigen, dass sie sich nie gut genug fühlen, zu kritische Eltern hatten oder einfach zu hohe persönliche Standards setzen.
Vom Perfektionismus loszukommen ist nicht leicht, aber Schritt für Schritt kann es jeder schaffen: Erkenne zuerst, wann du andere wegen ihrer Unvollkommenheit beurteilst, und versuche, solche Situationen nicht zu überreagieren. Jeder macht Fehler. Auch wir. Wenn wir gut darin sind, andere zu akzeptieren, lernen wir auch, unsere eigenen Fehler anzunehmen und uns nicht dafür zu verurteilen. Feiere mutig auch deine Fehler. So sinkt nicht nur dein Stresslevel, du fühlst dich auch viel freier.











