„Ich verstehe nicht, warum ich immer noch so erschöpft bin, wenn ich doch alles richtig mache…" Diesen Satz höre ich in meiner Praxis erstaunlich oft. Und fast immer folgt darauf der Griff zum Handy – zur perfekt durchgeplanten Selbstfürsorge-Routine.
Selbstfürsorge für Körper, Geist und Seele ist wichtig. Aber wir sollten kein Wunder von ihr erwarten. Denn manchmal ist genau dieser Glaube an das Wunder das eigentliche Problem.
Die Routine
„Ich verstehe nicht, warum ich immer noch so ausgelaugt bin, obwohl ich alles richtig mache…" – sagte Anna, meine Patientin Mitte zwanzig, und drückte mir ihr Handy in die Hand. Ich überflog schnell ihre „Self-Care-Routine", gab ihr das Gerät seufzend zurück und lobte sie: Es sei durchaus vorbildlich, dass jeder ihrer Morgen mit „zehn Minuten bewusster, positiver Affirmation vor dem Spiegel" beginne.
Aber leider ändern all die positiven Affirmationen der Welt nichts an der Tatsache, dass die Agentur, in der sie arbeitet, sie bis zur völligen Erschöpfung ausbeutet. Sie schiebt im Schnitt 60-Stunden-Wochen und hat nie Zeit, sich zu erholen.
Ausgebrannt
Ich bin wütend auf die Wellnesskultur, denn in ihrer heutigen Form ist sie – ehrlich gesagt – ein einziger Betrug. Sie redet dir ein: Wenn du nur die überteuerte Gesichtsmaske kaufst, die Nahrungsergänzungsmittel schluckst, die Meditations-App herunterlädst, jeden Tag im Park spazieren gehst und ein verwöhnendes Wochenende im Wellnesshotel buchst, dann wird schon alles gut.
Doch dieses sinnlose Geldausgeben heilt dich nicht, es verschlimmert deinen Zustand. Denn es versucht, dir einzureden, dass dein Burnout nicht vom System verursacht wird, sondern dein persönliches Versagen ist.
Das Dankbarkeitstagebuch
Zu mir kam einmal eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie arbeitete von zu Hause aus – und zwar viel. Einer ihrer Söhne war Autist. Ihre Mutter passte manchmal auf die Kinder auf, kritisierte sie dabei aber unentwegt. Und ihr Ex-Mann zahlte kaum den vorgeschriebenen Unterhalt.
Sie war jemand, der auf jeden neuen Wellnesstrend aufsprang und darauf wartete, dass endlich das große ZEN über sie hereinbricht. Ich musste ihr erklären: Die Lösung wird nicht in grünen Smoothies oder im fleißigen Führen eines „Dankbarkeitstagebuchs" liegen – nicht, wenn sie permanent erschöpft ist und ihr Körper längst von seinen letzten Reserven zehrt.
Ich musste ihr begreiflich machen, dass diese Situation nicht tragbar ist – und dass es nicht ihre Schuld ist, wenn sie für nichts mehr Zeit hat.
Ein falsches Heilmittel
Wenn du in deiner Beziehung unglücklich bist, ein schlechtes Verhältnis zu deiner Familie hast oder keine Freunde, dann wird das keine Zeitmanagement-App lösen – und auch kein tägliches Achtsamkeitstraining. Bewusste Präsenz ist etwas Gutes, aber für unsere tieferen seelischen Probleme ist sie nur ein Pflaster.
Lass den Stress los!
Das Self-Care-Narrativ behauptet: Du bist ängstlich, weil du nicht gut mit Stress umgehst. Du bist nervös, weil du deine Entspannungsübungen nicht oft genug gemacht hast. Und du bist krank, weil du deine Wellnessroutine nicht optimiert hast.
In Wahrheit aber bist du gestresst, weil du immer mehr arbeitest und trotzdem immer schwerer über die Runden kommst. Du bist nervös, weil eine einzige unerwartete Ausgabe dich in finanzielle Unsicherheit stürzen kann. Und du bist krank, weil du in einer smoggeplagten Stadt lebst, in der du und deine Kollegen euch gegenseitig ansteckt und der Stress dein Immunsystem geschwächt hat. Sehen wir den Unterschied?
Ursache und Wirkung
Eine meiner Patientinnen versuchte, statt ihre Kindheitstraumata aufzuarbeiten, ihre Seele lieber jeden Abend mit einem „Ritual aus warmem Bad und Entspannungsmusik" zu heilen. Das funktionierte natürlich nicht – und genau deshalb kam sie schließlich zu mir. Ich beruhigte sie: Es gibt keine Menge an Meditation oder Yoga, die vergessen lassen könnte, dass ihr alkoholkranker Vater sie geschlagen hat…
Und dieses Trauma verschwand nicht deshalb nicht, weil sie ihre „seelischen Rituale" vernachlässigt oder sich nicht genug um sich selbst gekümmert hätte. Es gibt Dinge, bei denen Selbstfürsorge nicht hilft – und das bedeutet nicht, dass du etwas falsch machst.
Bedeutet das, dass Selbstfürsorge sinnlos ist?
Nein. Selbstfürsorge für Körper, Geist und Seele ist wichtig und wertvoll. Das Problem entsteht erst, wenn wir Wunder von ihr erwarten und glauben, sie könne tiefere Probleme allein lösen.
Warum verschlimmert die Wellnesskultur manchmal das Burnout?
Weil sie dir einredet, dein Burnout sei dein persönliches Versagen und nicht die Folge äußerer Umstände. Diese Schuldverschiebung setzt dich zusätzlich unter Druck, anstatt die eigentlichen Ursachen zu benennen.
Kann Meditation ein Trauma heilen?
Laut dem Artikel nicht. Achtsamkeit und Meditation können unterstützend wirken, doch bei tiefen seelischen Verletzungen wie einem Kindheitstrauma sind sie höchstens ein Pflaster – keine Heilung.
Wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?
Wenn du trotz aller Selbstfürsorge dauerhaft erschöpft bist oder ungelöste Probleme wie Beziehungskrisen oder alte Traumata dich belasten, kann fachliche Unterstützung mehr bewirken als jede Wellnessroutine.











