Der Arbeitsplatz
In meinen Zwanzigern arbeitete ich drei Monate lang in einem italienischen Restaurant, das ich jede Minute hasste. Mein Chef war unfreundlich, nie zufrieden und fand immer einen Grund, mich zu kritisieren. An einem besonders stressigen Tag gab ich extra Gas, alles lief glatt – und trotzdem fand er einen kleinen Fehler, um mich anzufahren.
Als sein Monolog endete, sagte ich nichts und hatte das Gefühl, meine Hand handele von selbst, als würde ich sie nicht kontrollieren.
Ich zog meine Schürze aus, warf sie ihm locker ins Gesicht und ging, ohne zurückzublicken. Ähnlich fühlte es sich an, als ich meinen Mann verließ. Ehefrau zu sein war wie dieser schlechte Job. Voller Enthusiasmus gestartet, hart gearbeitet, aber nie genug gewesen. Plötzlich war der Punkt erreicht, an dem das Fass überlief. Mit ihm verbrachte ich leider keine drei Monate, sondern zwanzig Jahre. Die Trennung war wegen der Kinder nicht einfach, aber am Ende schaffte ich es – und seitdem schaue ich nicht zurück.
Der fröhliche Anwalt
Ich war gerade auf dem Heimweg, als mein Telefon klingelte. Als ich sah, dass mein Anwalt anrief, zog sich mein Magen zusammen – so wie in den letzten Monaten jedes Mal, wenn wir sprachen. Die Hoffnung, nicht vor Gericht gegen meinen Mann ziehen zu müssen, schwand bei jedem Gespräch ein bisschen mehr. Auch diesmal erwartete ich schlechte Nachrichten, bevor ich abhob.
Doch mein sonst so mürrischer und beschäftigter Anwalt begrüßte mich ungewöhnlich fröhlich. Er sagte, mein Mann habe dem letzten Vergleich zugestimmt und ich müsse nur noch die Papiere unterschreiben. Als er das sagte, durchströmte mich eine solche Erleichterung, dass ich dachte, ich werde schwerelos und fliege davon. Kaum zu fassen, dass ich endlich frei bin.

Das Wort
Ich mochte das Wort „Ehefrau“ nie. Es weckte bei mir nie Gedanken an Klugheit, Stärke oder Freundlichkeit, sondern eher an Gehorsam, Abhängigkeit, Unterordnung und Ausgeliefertsein. Als ich heiratete, dachte ich, ich würde mich daran gewöhnen und die Realität akzeptieren, Ehefrau zu sein. Doch das gelang nie. Ich musste mich immer zurücknehmen, wurde zur Nebenfigur im eigenen Leben. Erst mit der Scheidung fühlte ich mich wieder ganz. Das wunderbare Gefühl, endlich keine Ehefrau mehr zu sein, war befreiend: Die schwerste und undankbarste Rolle meines Lebens, die ich nie spielen wollte, war vorbei – und ich war froh darüber.
Erwartungen
Als wir heirateten, musste ich aus meiner geliebten Wohnung ausziehen, weil „es ja nicht geht, dass wir nicht zusammenleben“. Das Zusammenleben tat unserer Beziehung nicht gut, aber man sagte mir, ich solle geduldig und gefügig sein – schließlich lebten wir in einer „Lebensgemeinschaft“. Obwohl ich ein eigenes Unternehmen hatte und mehr arbeitete als mein Mann, erwarteten alle, dass ich wäsche, koche und putze. Man schüttelte den Kopf, wenn ich meine Hobbys weiterverfolgte oder mit Freundinnen oder allein reiste.
Als bekannt wurde, dass die Firma meines Mannes schon länger schlecht lief und er es vor mir verheimlichte, erwartete jeder, dass ich verständnisvolle Ehefrau bleibe – schließlich hatten wir geschworen, in „Armut und Reichtum“ zusammenzuhalten.
Als er zu trinken begann, war es meine Aufgabe, ihn zu verstehen, zu trösten und zu unterstützen – wir hatten doch versprochen, in „Gesundheit und Krankheit“ zusammenzustehen. Nach zwei Jahren voller Versuche und Leid sagte ich schließlich, dass ich keine Ehefrau mehr sein möchte. Nach der Scheidung fühlte ich mich wie ein Pferd, das bisher als Arbeitstier genutzt wurde und jetzt endlich wieder frei galoppieren darf.

Der Strahl
Ich erinnere mich genau an das Gefühl, als der Richter die Scheidung verkündete. Voller Euphorie stürmte ich aus dem Gebäude, ließ meinen – nun Ex-Mann – und all den Schmerz hinter mir, all die 17 Jahre, die ich mit ihm verloren hatte. Auf dem Weg zu meinem Auto blieb ich auf dem Bürgersteig stehen und atmete tief durch. Vielleicht war es der erste wirklich wohltuende Atemzug seit 17 Jahren. In diesem Moment brach die Sonne zwischen zwei Häusern durch und ihre warmen Strahlen streichelten mein Gesicht. Ich fühlte, dass das ein Zeichen war – das Zeichen, endlich wieder leben zu dürfen.











