Ich weiß, das ist nicht gegen mich gerichtet. Es ist ein natürlicher, sogar hilfreicher und notwendiger Prozess, aber manchmal fühlt es sich so an, als hätten wir für denselben Weg ganz unterschiedliche Landkarten bekommen.
Ich bin mit diesem Gefühl nicht allein. Der Psychologe und Elterncoach Jeffrey Bernstein nennt drei Hauptgründe, warum Kinder – später auch als Erwachsene – sich von ihren Eltern entfernen. Oft liegen keine großen familiären Brüche dahinter, sondern viele kleine, unbemerkte Wiederholungen.
Emotionale Sicherheit wird wichtiger als familiäre Pflicht
Die Pubertät bringt Identitätssuche und eine sensiblere Gefühlswelt mit sich. Viele merken jetzt, dass bestimmte familiäre Situationen, „Sticheleien“ oder Verhaltensmuster tief verletzend werden – auch wenn die Eltern das nie so beabsichtigt haben.
Bernstein stellte fest, dass viele junge Erwachsene berichten, ihre Eltern hätten schmerzhafte Erfahrungen klein geredet. Zum Beispiel erzählte eine Frau, ihr Bruder habe sie jahrelang emotional misshandelt, doch die Eltern sahen das nur als „Geschwisterstreit“. Für sie führte das zu einem starken Mangel an Selbstvertrauen im Erwachsenenleben.
In solchen Situationen passiert oft etwas, das wir Eltern missverstehen: Wenn sich das Kind zurückzieht, steckt nicht unbedingt Wut dahinter, sondern häufig Selbstschutz. Es will sich einfach sicher fühlen – und dafür braucht es manchmal Abstand.

Der Wunsch nach Autonomie – oder: „Mama, lass mich atmen!“
Mit dem Heranwachsen wollen Kinder sich natürlich abnabeln. Sie wollen sich ausprobieren, selbst über ihr Leben entscheiden, Fehler machen und daraus lernen – oder auch nicht. Oft fühlen sie sich von den Ratschlägen der Eltern, auch wenn gut gemeint, eher belastet als unterstützt. Viele junge Menschen spüren dann, dass sie nicht das volle Vertrauen ihrer Eltern genießen.
Wenn wir nach jedem Fehltritt unsere Ratschläge oder ein „Hab ich doch gesagt!“ vorhalten, führt das früher oder später zu Entscheidungsunfähigkeit und mangelndem Selbstvertrauen.
Jeder braucht Zeit und Raum, um erwachsen zu werden. Auch wenn das bedeutet, manchmal große Fehler zu machen – denn so lernt man, wer man wirklich ist und was man alles schaffen kann.

Das Gefühl der Unsichtbarkeit
Der dritte häufige Grund, den Bernstein nennt, sind unerfüllte emotionale Bedürfnisse. Es sind keine großen Traumata, sondern eher kleine, aber dauerhafte Lücken. Wenn Eltern nie wirklich fragen: „Wie geht es dir?“, Traurigkeit kleinreden oder nicht vermitteln: „So wie du bist, bist du angenommen“, entstehen emotionale Wunden.
Kein Kind hat Bernstein je gesagt, es wünsche sich nicht die Liebe oder Bestätigung der Eltern. Viele trauen sich nur nicht mehr, sich zu nähern – weder von der Kinder- noch von der Elternseite –, weil sie Angst haben, wieder nicht gehört zu werden und enttäuscht zu werden.
Als Eltern ist es leicht zu sagen: „Ich habe doch alles getan!“ Vielleicht stimmt das auch. Doch wenn wir wieder näher zu unseren Kindern finden wollen – egal ob jung, älter oder erwachsen –, lohnt es sich, die Frage zu stellen: „Fühlt mein Kind wirklich, dass ich es höre?“
Man kann jederzeit anfangen. Klein. Mit einer aufmerksamen Frage, einem offenen Gespräch oder einfach dadurch, dass man auch in der Stille als Stütze da ist. Denn manchmal reicht das, um langsam, mit Geduld, Verständnis und Liebe eine lange zerfallene Brücke wieder aufzubauen.











