Das Osterspritzen kann eine schöne Tradition sein. Wirklich. Es steckt Spiel, Gemeinschaft und ein bisschen Kindheitsnostalgie darin. Wenn jemand Freude daran hat, ist das völlig in Ordnung. Dann soll er das gerne tun. Nur nicht bei meiner Tochter.
Meine Tochter mag den ganzen Ostertrubel nicht. Das Eierfärben findet sie okay und teilt gern die selbst bemalten Eier. Aber sie mag keine starken Gerüche. Sie mag es nicht, wenn man sie unerwartet berührt. Sie mag es nicht, wenn ihr Haar nass wird. Teil ihres Asperger-Syndroms ist eine sensorische Überempfindlichkeit, aber ehrlich gesagt ist das nur eine zusätzliche Info. Sie muss nicht erklären, warum sie etwas nicht mag – es reicht, dass sie es nicht mag.
Das sollte eigentlich ausreichen.
Ist es aber nicht. Denn jedes Jahr gibt es Menschen, die sich verletzt fühlen. Die ungläubig schauen, wenn wir sagen: Danke, aber nein. Die denken, das sei nur:
„Nur ein bisschen Bespritzen“.
„Nur eine Tradition“.
„Sie wollten doch nur etwas Gutes tun“.
Dieses „nur“ ist das wirklich Ermüdende
Weil „nur“ in Wirklichkeit heißt: Ihre Absicht ist wichtiger als die Grenzen meines Kindes. Die Tradition ist wichtiger als ihr Wohlbefinden. Dass sie sich gut fühlen – weil sie etwas Nettes getan haben – ist wichtiger als die Tatsache, dass diese „Nettheit“ für die Empfängerin unangenehm oder sogar richtig schlecht ist.
Viele berufen sich dann auf die Tradition. Ja, ich weiß, dass es eine Tradition ist. Es ist Tradition, dass Frauen – und Mädchen – Dinge ertragen, um den Frieden zu wahren. Dass sie nicht nein sagen, keine Grenzen ziehen, weil „das so üblich ist“. Aber vielleicht ist genau hier der Punkt, an dem wir innehalten und sagen: Diese Tradition führen wir nicht fort.

Was lehre ich meiner Tochter, wenn ich zulasse, dass jemand ihr etwas antut, was sie nicht möchte? Dass ihr eigenes Wohlbefinden zweitrangig ist? Dass man Dinge ertragen muss, wenn sie freundlich gemeint sind? Dass das Label „Freundlichkeit“ alles übertrumpft?
Ich möchte ihr etwas anderes beibringen
Nämlich, dass ihr Körper ihr gehört. Dass „Nein“ ein vollständiger Satz ist. Dass sie nicht erklären muss, warum sie etwas nicht will. Und dass sie niemandem verpflichtet ist, auch in unangenehmen Situationen höflich zu sein.
Und ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, warum sich manche dann verletzt fühlen. Die sagen: „Aber ich wollte ihr doch nur eine Freude machen“. Verstehen sie wirklich nicht, dass es nur zählt, was meiner Tochter guttut, wenn ihre Freude im Mittelpunkt steht?
Dieses Jahr habe ich beschlossen, mich darüber nicht mehr aufzuregen. Ich werde mich nicht rechtfertigen, keine langen Erklärungen abgeben. Ich ziehe einfach eine Grenze.
Du wirst meine Tochter nicht bespritzen
Wenn du das verstehst, freut mich das. Wenn nicht, kann ich auch damit leben. Für deine Gefühle bin ich nicht verantwortlich. Ich bin verantwortlich für meine Tochter. Dafür, dass sie sich sicher fühlt, ernst genommen wird und lernt: Auch ihre Grenzen zählen.
Die emotionalen Reaktionen der Bespritzenden übernehme ich aber nicht. Denn ich bin nicht ihre Mutter.











