Wir dachten, das Internet würde uns näher zusammenbringen, dass wir immer jemanden zum Reden oder Teilen von Gedanken und Bildern hätten – und das praktisch kostenlos. Doch um uns herum ist es stiller geworden. Als hätten wir auf dem Weg zur Verbindung die Verbindung selbst verloren. Gemeinschaften zerfallen, Partys fallen aus, und immer mehr Menschen gehen ihren eigenen Weg – buchstäblich.
Die Jugend sucht nicht mehr den "großen Einen", sondern etwas ganz anderes
Ich erinnere mich, wie die Stadt in meinen frühen Zwanzigern pulsierte. Wochenenden bedeuteten rausgehen, tanzen, treffen, flirten. An jeder Ecke begegneten wir bekannten Gesichtern, und jeder Abend versprach eine neue Geschichte. Heute, wenn ich dieselbe Straße zur gleichen Zeit entlanggehe, sehe ich nicht nur Leere: Die meisten Schaufenster sind leer, und "Zu verkaufen"-Schilder blicken mich an. Bars und Clubs sind geschlossen – nicht nur wegen der Pandemie, sondern weil die Menschen fehlen, die diese Orte lebendig gehalten haben. Die jüngeren Generationen suchen ihre Verbindungen woanders – und vielleicht suchen sie nicht mehr das, was für uns das Leben ausmachte.
Die Generation Z (geboren Mitte 1990er bis Anfang 2010er) lebt nach anderen Regeln. Es geht nicht nur darum, später zu heiraten oder die Familiengründung aufzuschieben: Immer mehr entscheiden sich bewusst gegen romantische Beziehungen. Sie wählen Agamie – nicht aus Zwang oder Enttäuschung, sondern aus Überzeugung.
Sie suchen nicht den passenden Partner, sondern Freiheit
Die brasilianische Anthropologin Heloisa Buarque de Almeida beschreibt Agamie als bewusste Lebensform, nicht einfach Einsamkeit. Wer so lebt, sucht nicht den "richtigen" Partner, sondern ein Leben, in dem er autonom sein kann, ohne Kompromisse bei der eigenen Freiheit einzugehen. Agamie kennt keine offiziellen Bindungen, keine Erwartungen, kein "Wir müssen zusammen sein, um vollständig zu sein". Stattdessen stehen Autonomie, Selbstkenntnis und die Erkenntnis im Vordergrund, dass Glück nicht zwangsläufig an einen anderen Menschen gebunden ist.
Das heißt nicht, dass die Generation Z sich von Liebe oder Verbindung abwendet. Sie suchen beides nur anders. Ehe, Kinder oder traditionelle Partnerschaften sind für viele kein Ziel mehr, sondern gesellschaftliche Erwartungen, die nicht jeder automatisch erfüllen möchte. Identität, persönliches Wachstum und das Schützen der eigenen Grenzen sind wichtiger geworden. Viele sehen es sogar als verantwortungsbewusste Entscheidung, keine Kinder zu bekommen – nicht aus Angst vor Bindung, sondern wegen des Planeten und einer ungewissen Zukunft.
Wir waren noch nie so erreichbar und gleichzeitig so isoliert
Soziale Medien scheinen uns zu verbinden, vertiefen aber oft die Distanz. Die Generation Z verbringt täglich durchschnittlich 2–6 Stunden vor dem Handy, 10 % sogar mehr als 8 Stunden. Trotzdem fühlen sich viele nicht näher bei anderen. Dauerhafte Online-Präsenz, Vergleiche und die Illusion eines perfekten Lebens erzeugen Angst und Selbstzweifel. Trotz mehr Möglichkeiten, sich zu verbinden, fühlen sich immer weniger wirklich verbunden und geliebt.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Generation Z einsamer ist, aber sie denkt Gemeinschaft anders. Agamie-Wähler ziehen sich nicht zurück, sondern definieren "Zusammen sein" neu. Für sie zählt nicht, einen idealen Partner zu haben, sondern wirklich sie selbst bleiben zu können – was in einer Beziehung oft nicht von Anfang an gelingt.
Agamie ist kein Mangel an Liebe, sondern eine neue Form von Identität
Dieser Lebensstil ist nicht für jeden attraktiv, und viele verstehen nicht, wie man ohne Partner glücklich sein kann. Doch Agamie bedeutet nicht Einsamkeit. Vielmehr funktioniert ein "Wir" nur, wenn vorher ein "Ich" entstanden ist – eine schöne Idee. Vielleicht macht das die Generation Z so bewusst und gleichzeitig distanziert: Sie wollen sich nicht in Erwartungen verlieren, sondern herausfinden, wie man zusammen sein kann, ohne sich selbst zu verlieren.
Aus dieser Perspektive sind die Mitglieder der Generation Z nicht einsamer als andere, aber sie lieben anders, verbinden sich anders und gehen andere Wege als ihre Vorgänger.
Natürlich muss nicht jeder Familie gründen, sich binden oder den "traditionellen" Weg gehen. Trotzdem wäre es schön zu glauben, dass Freiheit und Bindung keine Gegensätze sind. Vielleicht ist das die große Entdeckung der nächsten Generation: Dass tiefste Selbstkenntnis manchmal dort beginnt, wo ein anderer Platz in unserem Leben bekommt.











