Meinungsartikel: Barbara Weber
Lange Zeit war ich überzeugt, dass Aufschieben nichts anderes als Faulheit ist. Wer nicht rechtzeitig anfängt, dem fehlt eben die Disziplin – oder der Wille. So wurde es mir beigebracht, so habe ich es selbst geglaubt.
Aber dieser Gedanke hat mir nicht geholfen. Im Gegenteil: Er hat mich tiefer in eine Spirale gezogen. Je mehr ich aufschob, desto schlechter fühlte ich mich. Und je schlechter ich mich fühlte, desto schwerer fiel es mir, überhaupt anzufangen.
Aufschieben ist kein Charakterfehler
Aufschieben ist nicht gleich Faulheit. Es ist ein Signal – ein Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmt. Wenn wir es einfach als Faulheit abstempeln, nehmen wir uns selbst die Möglichkeit zu verstehen, was wirklich los ist.
Bei mir war es meistens Angst. Wenn eine Aufgabe zu groß wirkte, wenn ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte, oder wenn ich Angst hatte zu scheitern – dann schob ich lieber auf. Kurzfristig brachte das Erleichterung: „Damit muss ich mich jetzt nicht befassen." Langfristig wuchs der Druck aber nur weiter.
Ein anderes Mal war es Perfektionismus. Das Gefühl, erst dann anfangen zu dürfen, wenn ich das Endergebnis bereits klar vor Augen habe. Kein perfektes Bild im Kopf? Dann lieber gar nicht erst beginnen. Eine Falle – denn die meisten Dinge lassen sich nicht im Voraus perfekt durchplanen. Sie entwickeln sich erst im Tun.
Und dann gibt es noch die Momente, in denen einfach zu viel auf einmal ansteht. Die To-do-Liste ist so lang, dass ich nicht weiß, womit ich anfangen soll – und am Ende stehe ich bei allem still.
In solchen Momenten wird Aufschieben fast zur Überlebensstrategie: Wenn ich nichts tue, muss ich wenigstens keine Entscheidung treffen.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war, dass Strenge das falsche Mittel ist. Der innere Monolog à la „Reiß dich endlich zusammen" erhöht nur den Druck – und macht die Aufgabe noch unattraktiver. Was wirklich hilft, ist Neugier: Warum will ich das gerade nicht angehen?
Was mir wirklich geholfen hat
Als ich anfing, diese Frage ehrlich zu stellen, fiel vieles an seinen Platz. Und gleichzeitig begann ich, kleine Veränderungen einzuführen.
Das Erste war: Ich hörte auf, zu viel zu planen. Früher neigte ich dazu, endlos darüber nachzudenken, wie ich eine Aufgabe angehen würde – welche Schritte, welche Reihenfolge, was die ideale Vorgehensweise wäre. In der Theorie klang das sinnvoll. In der Praxis hat es mich gelähmt. Die Aufgabe wirkte immer größer und komplizierter, obwohl ich noch gar nichts getan hatte.
Heute versuche ich, diesen Schritt kurz zu halten. Ich denke nicht lange nach – ich fange einfach an, in dem Wissen, dass sich der Rest unterwegs ergibt. Das klingt zunächst chaotisch, aber meine Erfahrung zeigt: Sobald ich einmal angefangen habe, ist der Rest fast immer leichter. Der schwerste Schritt ist fast immer der erste.
Außerdem setze ich mir kleinere Zeitfenster statt großer Ziele. Nicht: „Ich erledige das heute komplett." Sondern: „Ich beschäftige mich jetzt dreißig Minuten damit." Dreißig Minuten sind überschaubar. Nicht einschüchternd. Und danach gibt es eine kleine Belohnung – zum Beispiel eine Folge meiner Lieblingsserie.
Diese Art der Umrahmung überlistet irgendwie meinen Kopf. Ich stehe nicht mehr vor einer endlosen, erdrückenden Aufgabe, sondern vor einem kurzen, handhabbaren Zeitabschnitt. Und interessanterweise passiert es oft, dass ich nach den dreißig Minuten gar nicht mehr aufhören will – weil ich bereits im Flow bin.
Aufschieben als Signal, nicht als Makel
Ich behaupte nicht, dass das Aufschieben aus meinem Leben verschwunden ist. Gerade in stressigen Phasen kehrt es zurück. Aber ich sehe es nicht mehr auf dieselbe Weise. Es ist kein Beweis dafür, dass ich faul bin – es ist ein Hinweis, dass irgendetwas nicht stimmt. Und es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Allein diese Perspektive macht es so viel leichter, schließlich doch anzufangen – mit dem, was ich so lange vor mir hergeschoben habe.











