Meine Therapeutin ist überzeugt: Das ist eine klassische Midlife-Krise. Ich bin mir da nicht so sicher – vielleicht ist mir einfach nur endgültig der Geduldsfaden gerissen.
Mit fast 37 befinde ich mich auf einem seltsamen Grat. Der jugendliche Schwung, der mich früher mühelos durch den Tag trug, ist irgendwo unterwegs verloren gegangen. Stattdessen meldet sich immer lauter ein inneres Grummeln, das ich jahrelang erfolgreich überhört habe.
Als ich meiner Therapeutin davon erzählte, hatte sie schnell eine Einordnung parat: klassische Midlife-Krise. Ich aber zweifle zunehmend an dieser Diagnose – sie fühlt sich zu bequem an, zu ordentlich verpackt. Mein Verdacht: Hier hat kein Lebensabschnitt mich eingeholt. Hier ist schlicht und einfach ein Fass übergelaufen, das ich viel zu lange bis zum Rand gefüllt habe.
Wenn Stabilität plötzlich erdrückt
Von außen betrachtet ist mein Leben ein gelungenes Ganzes. Eine gut gebaute Festung, in der jeder Stein sitzt. Das lässt sich kaum bestreiten. Seit siebzehn Jahren lebe ich mit einem Mann zusammen, der bis heute mein wichtigster Verbündeter ist – mein ruhender Pol. Unsere zehnjährige Tochter entdeckt gerade ihre eigene Stimme, testet Grenzen aus und strapaziert dabei auch meine – und ist trotzdem unser größtes Glück.
Und doch hat sich etwas verändert. Hinter dem vertrauten Morgenritual, dem Kaffee, den abendlichen Routinefragen – ist in mir etwas unwiederbringlich still geworden. Dieses innere Vibrieren, diese Kraft, die mich früher über jedes Hindernis hinwegtrug, fehlt. Vielleicht hat die Arbeit dieses Feuer aufgezehrt. Als Selbstständige trug ich immer alles allein – war gleichzeitig Chefin, Buchhalterin, Projektleiterin und Feuerwehr in einer Person. Diese dauerhafte Alarmbereitschaft und die gnadenlosen Ansprüche, die ich an mich selbst gestellt habe, haben langsam, aber sicher ihre Spuren hinterlassen.
In diesem ohnehin fragilen Zustand traf mich dann ein Verlust, der vielleicht den letzten Anstoß zur Innenschau gab. Wer nie wirklich eng mit einem Tier zusammengelebt hat, versteht vielleicht nicht, welche Leere der Tod eines Hundes hinterlässt. Er war das einzige Wesen in meinem Leben, das mir gegenüber keinerlei Erwartungen hatte – na gut, vielleicht was sein Abendessen anging – und das nichts von mir wollte außer meiner bloßen Anwesenheit.
In der Stille nach seinem Tod wurde mir klar, wie sehr ich mich nach echter, bedingungsloser Verbindung sehne – frei von Spielchen und Erwartungen.
Ich flüchtete in den Garten, wo die Regeln einfach und ehrlich sind. Die Arbeit mit Pflanzen hat mir wieder beigebracht, langsame Prozesse wertzuschätzen – dieses organische Wachsen, das ich im Alltag längst vergessen hatte. Hier zählt nicht meine Leistung. Hier zählt die schlichte Freude am Dasein.
Die Freiheit, unsichtbar zu werden
Ich bemerke, dass ich immer bewusster die Einsamkeit suche – und schon lange kein schlechtes Gewissen mehr dabei fühle, wenn ich nicht sofort auf jeden Reiz reagiere. Anrufe können warten. Statt lautem Gesellschaftstreiben gibt mir ein gutes Buch oder ein stiller Nachmittag für mich allein inzwischen weit mehr. Natürlich ist da auch etwas Ungewohntes, vielleicht sogar Beängstigendes in diesem Zwischenraum: Ich weiß noch nicht, wohin ich will – nur, dass ich dort, wo ich war, so nicht bleiben kann.
Vielleicht hat meine Therapeutin recht, und ich stehe tatsächlich an der Schwelle zur Midlife-Krise. Ich selbst sehe diese Zeit lieber als ein unausweichliches Erwachen.
Mit 37 bin ich endlich an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr bereit bin, Erwartungen zu erfüllen – gesellschaftliche wie persönliche –, mit denen ich mich nie wirklich identifizieren konnte.
Dieses Zurückziehen, dieses Hineinhorchen, fühlt sich für mich wie eine notwendige und heilsame Pause an. Manchmal muss man bewusst aus dem Blickfeld der Welt verschwinden und die Rollen ablegen, die man so lange gespielt hat – um endlich wieder den Menschen zu finden, der ganz innen wohnt.











