Ich habe nicht danach gesucht. Das ist vielleicht das Wichtigste an der ganzen Geschichte. Es fiel mir nicht in die Hände, weil ich in Nostalgie schwelgen wollte, sondern weil es tief in einer der Kisten von meinen Eltern lag – zwischen einem alten Malbuch und einem T-Shirt aus dem Sommerlager eingequetscht: mein Tagebuch.
Der Einband war leicht zerknittert, der Schlüssel zum kleinen Schloss längst verschwunden, aber die Seiten waren unversehrt. Ich setzte mich hin, schlug es auf und begann zu lesen. Danach verlief mein Nachmittag ganz anders, als ich es geplant hatte.
Was einem zehnjährigen Mädchen wichtig war
Über die ersten Einträge musste ich schmunzeln. Da stand haargenau, mit wem ich mich in der Pause gestritten hatte und warum, dass das Mittagessen scheußlich war und dass jemand anderes die Rolle bekam, die ich unbedingt wollte.
Diese kleinen Kränkungen aus der Kindheit waren auf diesen Seiten so lebendig, als wären sie gestern passiert. Und dabei hatte ich sie längst vergessen – restlos, spurlos.
Dann kamen Einträge, bei denen ich innehielt. Mit zehn Jahren hatte ich aufgeschrieben, dass ich Angst habe, nicht gut genug zu sein. Dass ich fürchte, meine Freundinnen mögen mich in Wahrheit gar nicht wirklich, sondern spielen es nur. Dass ich manchmal das Gefühl habe, alle wüssten, wie man dieses und jenes macht – nur ich hätte die Anleitung dazu nie bekommen.
Mit fünfunddreißig las ich diese Sätze. Und ich erkannte sie wieder.
Was sich nicht verändert hat
Die Ängste, die ein zehnjähriges Mädchen fleißig in ein abschließbares Tagebuch schrieb, sind fast Wort für Wort dieselben, mit denen ich auch als Erwachsene ringe – nur in andere Worte gehüllt, in anderen Situationen. Das „Ich bin nicht gut genug" galt damals einem Auftritt in der Schule, heute einer Entscheidung im Job. Die Verpackung ist anders, das Gefühl ist dasselbe.
Das gab mir zu denken. Sind diese Ängste wirklich Probleme des Erwachsenseins – oder reichen sie viel weiter zurück, als wir glauben? Das, was wir heute über uns selbst denken, unsere Zweifel, der Mangel an Selbstvertrauen, dieses tief sitzende Gefühl, irgendwie nicht zu genügen: Wann hat das eigentlich begonnen?
Was sich verändert hat
Zum Glück blieb mir nicht nur im Hals stecken, wie viel ich unverändert mit mir herumtrage. Das kleine Mädchen, das ins Tagebuch schrieb, es habe Angst, nicht geliebt zu werden, ist heute von Menschen umgeben, bei denen es wirklich angekommen ist.
Die, die nicht verstand, warum ihr manche Dinge schwerer fielen als anderen, weiß heute, dass diese Frage überhaupt keine Schande ist.
Und die, die alles aufschreiben musste, weil sie das Erlebte anders nicht verarbeiten konnte, kann es heute auch aussprechen – zumindest manchmal, zumindest den richtigen Menschen gegenüber.
Das Tagebuch als Spiegel
Ich finde, jeder sollte einmal sein altes Tagebuch aus der Schulzeit lesen, falls es noch existiert. Nicht, weil es angenehm ist. Sondern weil es selten ist, dass man dem so nahekommt, wer man einmal war – bevor man gelernt hat, diesen Menschen zu verstecken.
Kinder sind ehrlich in ihren Tagebüchern. Nicht, weil sie mutiger sind, sondern weil sie noch nicht wissen, wofür man sich schämen soll. Alles darf gesagt, alles darf aufgeschrieben werden, alles ist wichtig, was wichtig ist.
Dann wurden wir erwachsen und lernten, uns selbst zu redigieren: Was ist vorzeigbar, und was tragen wir lieber still mit uns herum?
Mein Tagebuch steht heute noch in meinem Regal, zwischen den Büchern. Ich weiß nicht, warum ich es nicht zurück in die Kiste gelegt habe. Vielleicht, weil es guttut zu wissen, dass dieses kleine Mädchen existiert hat. Dass all das schon so lange her ist. Und dass es irgendwie, auf irgendeine Weise, bis heute anhält.
Warum wirken Kindheitsängste bis ins Erwachsenenalter nach?
Laut dem Artikel tauchen dieselben Ängste – etwa „nicht gut genug zu sein" – im Erwachsenenalter oft in neuer Form wieder auf. Die Situationen ändern sich, das Gefühl darunter bleibt vertraut.
Was macht ein altes Tagebuch so aufschlussreich?
Ein Kindertagebuch zeigt ungeschminkt, wer man war, bevor man lernte, sich selbst zu verstecken. Kinder schreiben ehrlich, weil sie noch nicht wissen, wofür man sich schämen soll.
Sollte man sein altes Tagebuch überhaupt wieder lesen?
Die Autorin empfiehlt es – nicht, weil es angenehm ist, sondern weil man selten so nah an das eigene frühere Ich herankommt. Es kann zugleich schmerzhaft und heilsam sein.











