Die Fessel sitzt noch immer am Handgelenk – sie verkleidet sich nur jedes Mal anders. Aber kaltes Stahl bleibt kaltes Stahl.
Du verlässt eine zwanzigjährige Beziehung – und dann? Für mich gab es kein klares „Weiter". Die Dinge passierten einfach, und ich folgte dem, was sich im jeweiligen Moment richtig anfühlte. Aus einem Impuls heraus packte ich Kleidung für etwa eine Woche zusammen, ohne irgendetwas wirklich durchzudenken. Keine Pläne. Keine Strategie. Nur die Arbeit, meine Freunde und der Tanz gaben mir einen festen Boden unter den Füßen. Ich hatte keinen eigenen Ort – ich funktionierte einfach. Eine Aufgabe nach der anderen, eine Tanzstunde nach der nächsten. So sehr ich das alles liebte: Es war auch Flucht. Genauso wie schon im letzten Jahr vor dem Abgang.
Die Stille, die Krallen zeigt
Damals spürte ich kaum, dass sich etwas verändert hatte. Nur die Umgebung war eine andere. Und das sagte eigentlich alles. Ich beobachtete mich selbst: Keine echte Erleichterung – aber auch keine Sehnsucht nach dem anderen Menschen. Nur eine diffuse Verantwortung. Eine Sorge um ihn – nicht als Partner, sondern als Mensch.
Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, eine Trennung im Streit zu erleben. Was ich kenne, ist diese bleierne Leere, die mich immer wieder überfiel. Ich machte lange Winterspaziergänge, watete knietief durch den Schnee am Ufer der Donau, dort wo ich aufgewachsen bin – in der Hoffnung, irgendetwas zu fühlen, irgendeine Antwort zu bekommen. Nichts kam. Nur die Stille, die ihre Krallen ausfuhr.
Sie weinte mit mir
Ich wohnte bei einer Freundin, die mich mit allem umgab, was sie hatte. Was sie für mich tat, war schlicht unglaublich – und ist es bis heute. Wenn ich nicht zu Hause war, schrieb sie mir: Alles okay? Sie nahm mich mit zu Workshops, und wenn sie mich morgens mit verheulten Augen sah, ließ sie sofort alles stehen und liegen – um zu reden, oder einfach um mich zu halten. Um mit mir zu weinen.
Sie bemerkte, dass ich fast ständig krank war. Sie trug mich zum Auto, fuhr mit mir in die Notaufnahme, wenn die Schmerzen zu groß wurden. Sie deckte mich zu und brachte mir Medikamente. Diese eine Freundin – die ich erst seit kaum anderthalb Jahren kannte – gab alles.
Gleichzeitig verlor ich andere Menschen. Menschen, die lange einen wichtigen Platz in meinem Herzen hatten. Ich lernte, was es bedeutet, wenn man einmal nicht so handelt, wie andere es erwarten – und sie sich einfach abwenden.
Kaltes Stahl
Es ist seltsam: Jemand, den ich kaum kannte, war vollständig für mich da. Andere, die ich jahrelang kannte, drehten sich um. In eisiger Kälte, strömenden Regen, völliger Dunkelheit irrte ich nach einer Tanzstunde durch die Stadt – vollkommen verloren.
Ich wollte Erlösung vom Schmerz. Aber sie kam nur in kurzen Momenten, ausgelöst durch äußere Impulse – und verschwand genauso schnell wieder.
Denn wenn man wirklich allein ist, bricht die Hölle los. Die Seele schreit, schluchzt, tobt. Es fühlt sich an, als wären die Arme gefesselt. Die Fessel sitzt noch immer am Handgelenk – sie verkleidet sich nur jedes Mal anders. Aber egal, wie sie aussieht: Sie ist kaltes Stahl. Unbequem. Schneidend. Und man will sich befreien.
Das Gewicht, das einen vorwärtstreibt
Und doch: Genau diese Last treibt mich weiter. Weil immer etwas passiert, das nicht fragt, nicht anklopft, nicht sanft streichelt – sondern einfach die Tür eintritt. Und man muss sich bewegen. Meistens mehr als ein kleines bisschen.
Manchmal wird aus der Fessel ein Trainingsgewicht – etwas, das jeden Schritt schwerer macht. Aber manchmal katapultiert es einen auch nach vorne. So weit, dass man sich von einem Moment auf den nächsten an einem völlig anderen Ort wiederfindet.
Vielleicht ist es am Ende genau das Gewicht, das den Flug erst möglich macht.











