Meinungsbeitrag von Schuszter Borka
Ich wusste nicht genau, was ich als Mutter am Ende des ersten Schuljahres fühlen würde. Dass es mich so bewegen würde – damit hatte ich nicht gerechnet.
Als wir uns letztes Jahr auf den Schulstart vorbereiteten, war ich voller Angst. Nicht wegen Lesen oder Mathematik. Nicht wegen der Frage, wie schnell sie schreiben lernt oder wie viele Buchstaben sie bis Ende September kennt.
Sondern darum, ob sie das alles überhaupt aushält. Die Veränderung, die neuen Regeln, die fremden Menschen, den Lärm. Die langen Tage.
Eltern von neurodiversen Kindern wissen: Schulanfang ist nicht einfach ein neuer Lebensabschnitt. Er ist oft ein riesiger Sprung ins Unbekannte.
Jetzt, am Ende dieses ersten Jahres, kreisen vor allem drei Gedanken in meinem Kopf.
Ich bin dankbar, dass wir die richtige Schule gefunden haben
Das kann man gar nicht oft genug sagen.
Schon für ein neurotypisches Kind ist die Schulwahl eine enorme Aufgabe. Jede Mutter, jeder Vater möchte einen Ort finden, an dem das Kind sicher ist, gesehen wird – und nicht nur lernt, sondern sich auch wohlfühlt.
Bei einem neurodiversen Kind potenziert sich diese Aufgabe. Denn es reicht nicht, eine gute Schule zu finden. Man muss eine finden, die das Kind wirklich versteht.
Einen Ort, der kein Problem in ihm sieht. Der nicht ständig versucht, das zu korrigieren, was einfach anders funktioniert. Der nicht fragt, warum es nicht so ist wie die anderen – sondern: Was braucht es, um wachsen zu können?
Und hier kommt etwas, worüber noch viel zu selten gesprochen wird: In vielen Ländern ist das auch eine Frage des Geldes. Im staatlichen Schulsystem gibt es wunderbare Pädagoginnen und Pädagogen – aber oft fehlen die Ressourcen, die neurodiverse Kinder wirklich brauchen. Viele Familien haben schlicht keinen Zugang zu einer Schule, die sich wirklich auf ihre Kinder einlassen kann.
Wir hatten Glück.
Wir haben einen Ort gefunden, an dem meine Tochter nicht „repariert", sondern kennengelernt werden will. Dafür bin ich jeden einzelnen Tag dankbar.
Ihre Noten interessieren mich nicht – was zählt, ist ihr Weg
Als das Schuljahresende näher rückte, hörte ich immer öfter von anderen Eltern: Wer hat welche Bewertung bekommen? Wer liest schon flüssig? Wer rechnet schneller?
Ich dachte an etwas ganz anderes.
An das kleine Mädchen, das noch vor einem Jahr voller Anspannung das Schulgebäude angeschaut hat. An das Kind, für das der Übergang vom Kindergarten zur Schule eine riesige Herausforderung war. An das Kind, das so hart gearbeitet hat, um sich in einem völlig neuen System zurechtzufinden.
Ja, es gibt Erstklässler, die ordentlicher schreiben, schneller lesen, sauberer von der Tafel abschreiben.
Und was dann?
Ich weiß genau, wo meine Tochter angefangen hat. Und ich sehe, wo sie jetzt steht. Ehrlich gesagt interessiert mich das viel mehr als jede schriftliche Beurteilung.
Leistung misst man immer am eigenen Ausgangspunkt – nicht am Nachbarskind. Und in diesem Vergleich hat meine Tochter dieses Jahr unglaublich viel gewonnen.
Ich bin so unglaublich stolz auf sie.
Ich wünschte, alle Kinder hätten so eine Schule
Es gibt noch einen Gedanken, der sich im Laufe dieses Jahres immer klarer in mir geformt hat.
Was ich in der Schule meiner Tochter erlebe – das bräuchten nicht nur neurodiverse Kinder. Das bräuchten alle Kinder. Denn Klassen mit dreißig Kindern überfordern nicht nur neurodiverse Schülerinnen und Schüler. Ausgebrannte Lehrkräfte können nicht nur Kindern mit besonderem Förderbedarf nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Starre Regeln und unflexible Lehrpläne schaden nicht nur denen, die eine Diagnose haben.
Wenn ich mir für das nächste Schuljahr etwas wünschen dürfte, dann das: dass immer mehr Kinder in Schulen gehen können, die nicht nur schauen, was sie schon können – sondern auch, wer sie sind.
Das Wichtigste am Ende des ersten Schuljahres ist für mich nicht, was meine Tochter gelernt hat. Sondern dass sie immer noch gerne lernt.
Und ich glaube, es gibt nach der ersten Klasse keinen größeren Erfolg als diesen.











