Bien Logo

Wenn du schwer Entscheidungen triffst, bist du vielleicht klüger als die meisten

Barbara Weber3 Min. Lesezeit
Teilen:
Wenn du schwer Entscheidungen triffst, bist du vielleicht klüger als die meisten — Lebensstil

Lässt sich Entschlossenheit beim Treffen von Entscheidungen messen?

Psychologen nutzen verschiedene Methoden, um Unentschlossenheit und Entscheidungsverhalten zu erfassen. Ein bekanntes Instrument ist die Frost Indecisiveness Scale, bei der Teilnehmende Aussagen von 1 (stimme überhaupt nicht zu) bis 5 (stimme voll zu) bewerten. Beispiele sind:

  • Ich neige dazu, Entscheidungen aufzuschieben
  • Ich habe Schwierigkeiten, meine Freizeit zu planen
  • Ich sorge mich oft, eine falsche Wahl zu treffen
  • Selbst bei kleinen Dingen treffe ich Entscheidungen langsam

Mit dieser Skala konnten Psychologen zeigen, dass Unentschlossenheit oft aus Perfektionismus entsteht. Perfektionisten fürchten Scham oder Reue bei Fehlentscheidungen – deshalb schieben sie Entscheidungen hinaus, bis sie sich sicher sind, richtig zu handeln. (Manchmal erreichen sie dieses Selbstvertrauen nie.)

Diese Frustration kann das Glück beeinträchtigen; Eric Rassin, Psychologieprofessor an der niederländischen Erasmus-Universität, fand heraus, dass höhere Werte auf der Skala meist mit geringerer Lebenszufriedenheit einhergehen. Betroffene stimmen Aussagen wie „Meine Lebensumstände sind ausgezeichnet“ oder „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich kaum etwas ändern“ seltener zu.

Ein anderer Ansatz zur Untersuchung von Entscheidungsprozessen

Auf den ersten Blick wirkt Unentschlossenheit negativ. Neuere Studien zeigen jedoch, dass sie auch schützt – vor einigen wichtigen kognitiven Verzerrungen. Belegt wird das in der aktuellen Forschung von Jana-Maria Hohnsbehn und Iris Schneider, Professorin für Sozialpsychologie an der Technischen Universität Dresden.

Statt der Frost-Skala konzentrierten sich Hohnsbehn und Schneider auf das Maß der „Ambivalenz“, das Gedanken und Gefühle hinter der Entscheidungsfindung genauer erfasst. Beispielsweise bewerten Teilnehmende Aussagen wie:

  • Meine Gedanken sind oft widersprüchlich
  • Ich fühle mich häufig hin- und hergerissen zwischen zwei Seiten eines Problems
  • Manchmal habe ich fast das Gefühl, physisch von einer Seite zur anderen zu wechseln, wenn ich über ein Thema nachdenke

„Wenn diese Aussagen auf uns zutreffen, ist unsere Ambivalenz wahrscheinlich hoch“

– sagt Hohnsbehn.

Wie erwartet brauchen Menschen mit hoher Ambivalenz länger für eine Entscheidung. Doch Hohnsbehn und Schneider fanden auch: Sie sind weniger anfällig für Verzerrungen, wenn sie sich schließlich entscheiden.

In einem Experiment lasen Teilnehmende verschiedene Szenarien, etwa dieses:

Du triffst eine Person und möchtest herausfinden, ob sie introvertiert oder extrovertiert ist. Du vermutest, sie ist extrovertiert. Welche der beiden Fragen würdest du ihr stellen?

  • Verbringst du gerne Zeit allein zu Hause?
  • Gehst du gerne auf Partys?

Viele wählen die zweite Frage – ein klassisches Beispiel für Bestätigungsfehler: Man sucht nur Informationen, die die eigene Annahme stützen, statt Beweise für das Gegenteil zu suchen. Hohnsbehn und ihr Team fanden heraus, dass Menschen mit hoher Ambivalenz eher die erste Frage stellen. Sie verlassen sich nicht auf ihre Vermutung, sondern prüfen, ob sie die richtigen Informationen für eine fundierte Entscheidung haben.

Passende Artikel

Warum Lärm intelligente Menschen so viel mehr stört als andere — Lebensstil

Warum Lärm intelligente Menschen so viel mehr stört als andere

Wer auf Geräusche empfindlicher reagiert, könnte ein besonders aktives Gehirn haben. Was Psychologie und Forschung über den Zusammenhang von Intelligenz und Lärmempfindlichkeit sagen.

Barbara Weber
Eine der schmerzhaftesten Entscheidungen meines Lebens: Wann ist der richtige Zeitpunkt, unsere kranken Tiere gehen zu lassen? — Familie

Eine der schmerzhaftesten Entscheidungen meines Lebens: Wann ist der richtige Zeitpunkt, unsere kranken Tiere gehen zu lassen?

Der Abschied von unseren Haustieren fällt nie leicht, und die Last der Entscheidung kann erdrückend sein. Wie finden wir heraus, wann es Zeit ist, loszulassen?

Barbara Weber
Meine Mutter hat seit der Wahl Angst – so versuche ich, ihr zu helfen — Familie

Meine Mutter hat seit der Wahl Angst – so versuche ich, ihr zu helfen

Algorithmen, Fake News und manipulierte Videos: Wie helfen wir älteren Menschen, in dieser digitalen Welt nicht die Orientierung zu verlieren?

Barbara Weber
Nur wir zwei am großen Tag – Darf man der Familie bei der Hochzeit Nein sagen? — Lebensstil

Nur wir zwei am großen Tag – Darf man der Familie bei der Hochzeit Nein sagen?

Kleine Hochzeit, ganz allein – oder doch mit der Familie? Warum diese Frage so viel mehr berührt als eine simple Gästeliste und wie wir damit umgehen.

Elisabeth Müller
„Es könnte ja schiefgehen" – Der eine Gedanke, der dich immer wieder aufhält — Lebensstil

„Es könnte ja schiefgehen" – Der eine Gedanke, der dich immer wieder aufhält

Es gibt einen Satz, der fast jeden von uns irgendwann lähmt. Er klingt vernünftig – und genau das macht ihn so gefährlich. Was steckt wirklich dahinter?

Margarete Wolf
„Ich habe meine Schwiegermutter geohrfeigt“ – Was passiert, wenn du einem plötzlichen Impuls nachgibst? — Lebensstil

„Ich habe meine Schwiegermutter geohrfeigt“ – Was passiert, wenn du einem plötzlichen Impuls nachgibst?

Wie oft wollen wir etwas tun, obwohl wir wissen, dass wir es nicht sollten? In diesen zehn Geschichten hat jemand der Versuchung nachgegeben.

Angela Fischer