Manche Dinge nehmen wir als selbstverständlich hin, obwohl sie für andere nur ein Traum sind.
Rückzugsort
Eine eigene Wohnung, in der du die Tür abschließen kannst und niemand dich stört. Ich bin 37 Jahre alt und habe bisher nur mit anderen zusammengelebt: mit meinen Eltern und Geschwistern (wir sind sechs Geschwister), im Studentenwohnheim und in Wohngemeinschaften.
Stille
Stille ist ein Schatz, den nur wenige wirklich wertschätzen. Ich erst seit ich Tinnitus habe. Ärzte konnten meinem Ohrensausen jahrelang nichts entgegensetzen.
Schlummern
Wer nie ernsthafte Schlafstörungen hatte, weiß nicht, was für ein Geschenk eine durchgeschlafene Nacht ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ausgeruht aufgewacht bin. Meine Schlaflosigkeit war schon so schlimm, dass ich an Suizid dachte.
Preisschild
Lebensmittel zu kaufen, ohne ständig die Preise zu checken und im Kopf zu rechnen, ob nach dem Kauf von saurer Sahne noch Geld für Brötchen übrig bleibt.
Wohlgefühl
Ich bin auf dem Land aufgewachsen, wo es kein Strom und kein fließendes Wasser gab. Wir haben mit Petroleumlampe Licht gemacht, Wasser holten wir aus dem Brunnen: Meine Mutter erwärmte es auf dem Herd, und wir wuschen uns in der Schüssel. Trotzdem hatte ich eine glückliche Kindheit. Bis heute setze ich mich mit kindlicher Freude in eine Badewanne mit warmem Wasser. Für mich ist das immer noch ein Luxus, so wie für andere ein entspannender Spa-Besuch.
Glätte
Das letzte Mal, dass ich schöne Haut hatte, war als Kind. Mit 13 begann ich zu pubertieren, und mein Gesicht war voller Pickel. Viel schlimmer als bei meinen Klassenkameraden, aber ich wartete geduldig, dass es vorübergeht. Jetzt bin ich 36 Jahre alt und kämpfe immer noch mit Akne. Ich habe alles ausprobiert: unzählige Diäten, hormonhaltige Medikamente, teure Cremes und Behandlungen – nichts hilft dauerhaft. Die Akne kehrt immer wieder. Ich hatte schon mehrere schwere Depressionen deswegen. Ich traue mich kaum, neue Leute kennenzulernen, weil ich kein Selbstvertrauen habe. Und wer möchte schon ein Gesicht küssen, das aussieht wie ein Kraterfeld? Manchmal schaue ich in der U-Bahn die Menschen an – ihre glatte Haut – und denke, sie wissen gar nicht, was für ein Geschenk das ist.

Zahnspange
Meine Eltern konnten sich keine Zahnspange für mich leisten, und meine Klassenkameraden nannten mich deshalb "Häschen". Mein ganzes Leben lang hatte ich wegen meiner schiefen Zähne wenig Selbstvertrauen.
Mobilität
Ich habe meine Gesundheit nie geschätzt, aber vor zwei Jahren hatte ich einen Unfall und bin seitdem im Rollstuhl. Wenn du laufen kannst, sei für einen Moment dankbar, dass deine Beine dich überall hintragen.
Der Begleiter
Ich liebe Tiere sehr, aber ich durfte nie ein Haustier haben. Wir lebten in einer kleinen Wohnung, und meine Eltern erlaubten nicht mal einen Hamster. Später wohnte ich im Studentenwohnheim und in WG’s, wo alle Vermieter Haustiere verboten. Ich mag auch Hunde, aber mein größter Wunsch war immer eine Katze, ich liebe Katzen. Mein Verlobter ist jedoch allergisch gegen Katzenhaare, deshalb wird mir wohl nie eine eigene Katze vergönnt sein.

Die Vorfahren
Meine Freunde sind alle mit liebevollen Eltern aufgewachsen, zu denen sie auch als Erwachsene noch engen Kontakt haben. Mein Vater trank und verschwendete unser ganzes Geld, und meine Mutter ließ ihren Frust an mir aus. Sobald ich mein Abitur hatte, zog ich aus und habe sie in den letzten 15 Jahren nur dreimal besucht – und das war auch nicht schön. Als meine Mutter mich letztes Jahr anrief, um mir zu sagen, dass mein Vater gestorben ist, fühlte ich nichts. Wenn ich sehe, wie mein Mann jederzeit seinen Vater anrufen kann und dieser ihm in allem hilft, oder wie fürsorglich seine Mutter uns Essen einpackt, wird mir das Herz schwer. Ich hatte nie diese Sicherheit, und bis heute überkommt mich Angst, wenn ich an meine Eltern denke.











