Viele sprechen vom „Nachhausekommen“, als wäre es automatisch eine warme, beruhigende, nostalgische Erfahrung, das Elternhaus zu besuchen. Ein sicherer Ort, zu dem man jederzeit zurückkehren kann, wenn das Leben zu laut, zu schwer oder zu viel wird. Ein Platz, an dem man die Lasten ablegen kann, wieder Kind sein darf und behütet wird. Ich verstehe diese Sichtweise – nur kenne ich sie nicht von innen.
Für diejenigen, die nicht in einer sicheren Umgebung aufgewachsen sind, bedeutet ein Besuch als Erwachsener etwas ganz anderes. Keine Nostalgie, sondern Spannung. Kein Ankommen, sondern Alarmbereitschaft. Keine Ruhe, sondern ein feiner, aber ständiger innerer Alarm. Nachhause zu gehen heißt für mich nicht, endlich wieder Mamas Pflaumenkipferl zu essen oder alte Schulfreunde zu treffen und mit unserem alten Hund im Hof Ball zu spielen. Für mich heißt es, tagelang auf Eierschalen zu tanzen, auf der Veranda der Hölle, und zu versuchen, nicht in die schrecklichen Erinnerungen abzurutschen, mitten in einem erschöpften mentalen Zustand.
Deshalb vermeide ich es, wenn möglich, nach Hause zu fahren
Nicht aus Wut oder weil ich nicht vergeben könnte, sondern weil ich weiß, wie sehr mich so ein Besuch beeinflusst.
Ich weiß, dass ich nicht mehr in der Gefahr bin, in der ich als Kind war, doch die Umgebung, die Menschen, die Rollen und unausgesprochenen Regeln sind dieselben geblieben. Und sie sind stark genug, dass mein Körper wieder so reagiert, als wäre ich noch immer dort, in diesem verletzlichen Zustand der Vergangenheit.

Ein Tonfall, ein Blick, eine Dynamik am Esstisch reichen, um mich zurück in einen alten Zustand zu reißen. Ich spüre es im Magen, in der Brust, in meinem Atem.
Manche gehen deshalb gar nicht mehr nach Hause. Und das kann ich vollkommen verstehen. Sie wollen keine Rache, sind nicht eingeschnappt oder beleidigt. Sie passen einfach auf sich auf. Versuchen, für das innere Kind, dem in ihrer Kindheit keine Sicherheit gegeben wurde, eine sichere Umgebung zu schaffen. Und das ist kein Mangel an Respekt. Das ist eine Überlebensstrategie.
Eine erwachsene Entscheidung als Folge einer Kindheitslücke.
Nur zweimal im Jahr
Ich fahre bewusst nur zweimal im Jahr nach Hause. Überlegt und geplant. Und ich begrenze meine Besuche auf höchstens eine Nacht. Ich weiß, dass das die Zeit ist, die ich ertragen kann, ohne auseinanderzufallen. Bleibe ich länger, wird es nicht nur unangenehm, sondern emotional und mental gefährlich. Die Emotionsregulation wird schwer, alte Muster verstärken sich, und plötzlich bin ich wieder an einem Ort, an dem ich nicht sein will.
Ich weiß auch, dass ich wenn ich zurück in mein eigenes Leben komme, 2-3 Tage brauche. Nicht weil ich schwach bin, sondern weil mein Nervensystem arbeitet. Es braucht Zeit, um sich zu beruhigen und wieder zu spüren: Jetzt bin ich sicher. Das ist keine Dramatik oder Überempfindlichkeit, sondern Biologie. Die Reaktion eines Körpers auf das, was er einmal überleben musste – und einige Muster werden nie ganz verschwinden. Ich habe gelernt, es akzeptiert und liebe mich so – und deshalb gebe ich mir Zeit und Raum.

Wenn du dich so fühlst, möchte ich, dass du weißt: Das ist völlig normal. Du bist nicht undankbar. Du bist nicht zu sensibel. Du bist kein schlechtes Kind, weil du als Erwachsener Grenzen setzt. Du hast das Recht, seltener nach Hause zu fahren. Du hast das Recht, gar nicht zu gehen. Du darfst Zeitlimits setzen, woanders schlafen, eigene Pläne machen oder jede Methode nutzen, die die Wirkung von Triggern mindert.
„Zuhause“ bedeutet nicht für jeden Sicherheit. Für viele ist es ein Ort mit gemischten Gefühlen: ein Platz mit schönen Erinnerungen, Menschen, zu denen man eine Bindung hat, die fehlen und die man liebt – und es gibt instinktive Erfahrungen von dort, die man nie wieder erleben möchte. Es ist völlig normal, Zwiespältigkeit gegenüber dem Zuhause zu empfinden – und ebenso normal, alles zu tun, damit negative Erlebnisse dich möglichst wenig treffen.
Manche werden durch Arbeit, Studium oder Liebe von zu Hause weggeführt. Manche vom Wunsch, ein eigenes Leben aufzubauen. Ein Leben, in dem Körper und Geist endlich aufatmen können. Und zu diesem Leben gehört es, gut auf sich zu achten und nicht zuzulassen, dass jemand Schaden anrichtet.











