Es gibt diesen einen Moment, in dem man merkt, dass sich etwas verschoben hat. Nicht im Außen, sondern in einem selbst. Früher hätte ich für einen Platz in der ersten Reihe alles gegeben – heute überlege ich zuerst, wie weit es bis zur nächsten sauberen Toilette ist.
Letztes Wochenende war ich mit einer Freundin unterwegs, und irgendwann versanken wir mitten im Wandern in Nostalgie. Wir erinnerten uns daran, wie völlig anders unsere Vorstellung von Entspannung noch vor 15 oder 20 Jahren aussah.
Wenn damals der Sommer kam, gab es einfach kein Hindernis, das uns von Konzerten, durchtanzten Nächten und Bühnen ferngehalten hätte. Egal ob brütende Hitze, ein schief am Hang aufgebautes Zelt, allgegenwärtiger Staub, lauwarmes Bier oder das gefürchtetste Symbol jedes Festivals – die berüchtigten Dixi-Toiletten. Nur eines zählte: ganz vorne stehen, aus voller Kehle mit der Lieblingsband mitsingen und springen, bis die Beine nicht mehr konnten.
Wenn „günstig“ plötzlich „unerträglich unbequem“ bedeutet
Und dann, fast unbemerkt, rückten mit den Jahren ganz andere Dinge in den Vordergrund. Früher haben wir, sobald die Sommer-Line-ups veröffentlicht wurden, sofort überlegt, wie wir an die billigsten Tickets kommen. Heute scrollen wir stattdessen durch Übernachtungsmöglichkeiten – und müssen feststellen, dass alles, was in der Hochsaison noch als „bezahlbar“ durchgeht, für uns inzwischen schlicht unerträglich unbequem wäre.
Dieses typische, nomadische Festivalerlebnis, für das wir früher den halben Arm gegeben hätten, ist den Kompromiss heute einfach nicht mehr wert. Und in genau diesem Moment durchfuhr mich die Erkenntnis: „Oh Gott, bin ich zu alt für Festivals geworden?“
Vielleicht geht es eher darum, dass Feiern mit Anfang zwanzig ein selbstverständlicher Teil des Alltags war – während es jenseits der dreißig zu einem echten logistischen Albtraum wird, den man nicht mehr um jeden Preis bezahlen will, weder mit Geld noch mit Energie.
Früher kam mir nicht in den Sinn, mir Gedanken darüber zu machen, wo und unter welchen Bedingungen ich auf die Toilette gehe. Heute ertappe ich mich dabei, wie ich meinen Platz auf dem Konzertgelände strategisch danach auswähle, ob von dort aus jederzeit schnell eine anständige Toilette erreichbar ist – obwohl mit meiner Blase glücklicherweise alles in Ordnung ist. Auch der Bereich direkt vor der Bühne hat seinen Reiz verloren. Wo wir einst keine Angst vor dem Gedränge hatten, um den Gitarristen aus der ersten Reihe zu bewundern, da checke ich heute fast unwillkürlich, wo die Notausgänge sind und wo es noch ein wenig Raum zum Durchatmen gibt.
Die wilde Romantik des Zeltens ist endgültig Vergangenheit
Ich habe nicht das geringste Verlangen mehr, mitten in der Nacht vom Schnarchen Fremder oder von der „Romantik“ aus dem Nachbarzelt geweckt zu werden. Und – nach einer Bandscheiben-OP – bin ich mir auch nicht sicher, ob ich mich nach einer durchwachten Nacht überhaupt vom blanken Boden hochbekäme. Eine bequeme Matratze, frische Bettwäsche, eine funktionierende Klimaanlage und ein Rollladen, der perfekte Dunkelheit garantiert, sind für mich heute größerer Luxus als das coolste VIP-Ticket der Welt.
Und als wäre das nicht genug, kommt noch die Sache mit dem Kater dazu, die ich kurz vor den Vierzigern inzwischen auch ganz ohne Alkohol, allein aus Müdigkeit, meisterhaft hinbekomme. Es reicht, wenn sich das Programm etwas in die Länge zieht und ich ein bisschen länger aufbleibe – am nächsten Tag wache ich genauso zerschlagen und ausgelaugt auf wie früher, wenn ich nach durchgefeierter Nacht erst um sechs Uhr morgens ins Bett gefallen bin. Mit Anfang zwanzig kurierte ein großes Glas kaltes Wasser, ein heißes Bad und ein ausgiebiger Schlaf die Erschöpfung sofort.
Heute brauche ich nach einer einzigen durchfeierten Nacht mindestens drei Tage zur vollständigen Erholung – und dazu ein ziemlich ernstes Vitamin-Management.
Nicht (nur) mein Alter hat sich verändert, sondern meine Bedürfnisse
Lange hat mich wegen dieser Veränderung ein leises schlechtes Gewissen geplagt. Ich dachte, dieses Bedürfnis nach Komfort sei der erste Vorbote der Langeweile des Erwachsenseins, eine Art innere Abstumpfung. Doch als ich offen mit meinen Freundinnen darüber sprach, stellte ich erleichtert fest, dass ich mit diesen Gefühlen ganz und gar nicht allein bin.
In diesem Alter kennen wir uns selbst viel besser als noch vor 10 oder 15 Jahren. Wir wissen genau, was uns wirklich auflädt – und was uns nur Energie raubt.
Heute bin ich nicht mehr bereit, bei meinen Grundbedürfnissen und meinem Komfort Kompromisse einzugehen, nur um sagen zu können: „Ich war auch dabei, mitten in der Menge.“
Als ich das schlechte Gewissen ablegte, wurde mir zugleich klar: Es gibt ein Leben jenseits der mehrtägigen Zeltfestivals – denn die Kunst des Feierns lässt sich wunderbar neu formen. An die Stelle der klassischen Festivalpässe sind sorgfältig ausgewählte eintägige Konzerte und Partys getreten, von denen wir nach unseren Lieblingssongs in aller Frühe bequem mit dem Taxi oder Auto ins eigene Bett zurückfahren können.
Genauso lieben wir die stimmungsvollen, entschleunigten Weinfeste und Gourmet-Veranstaltungen, bei denen man sich hinsetzen kann und bei einem guten Abendessen, einem Glas hochwertigen Weins, so mit Freunden plaudert, dass man sich tatsächlich hört und versteht. Wenn dich die Frage umtreibt, wie sich unser Verhältnis zur Freizeit mit den Jahren wandelt, lohnt es sich, einmal ehrlich hinzuschauen, was dir heute wirklich guttut.
Es war ein fantastisches, unwiederholbares Erlebnis, mit Anfang zwanzig diese grenzenlose, wilde und chaotische Freiheit zu leben. Doch mit einer Verbeugung vor unserem damaligen Ich dürfen wir nun mutig und glücklich in die Ära der hochwertigen, privaten Oasen eintreten. Es tut gut zu erkennen, dass es völlig in Ordnung ist, in jedem Alter nach den eigenen Bedürfnissen zu feiern – und dass wir uns nicht dafür schämen müssen, wenn wir spüren: Eine saubere Toilette und erholsamer Schlaf stehen unserer Seele genauso zu wie gute Musik.
Bin ich wirklich zu alt für Festivals?
Nein – es sind meist nicht das Alter, sondern die Bedürfnisse, die sich verändern. Man kennt sich selbst besser und weiß genauer, was wirklich auflädt und was nur Energie kostet.
Warum wird das Zelten auf Festivals mit den Jahren so unattraktiv?
Weil eine bequeme Matratze, frische Bettwäsche und erholsamer Schlaf irgendwann mehr Luxus bedeuten als die beste Bühnenposition. Nach einer durchwachten Nacht auf dem blanken Boden aufzustehen, ist für den Körper schlicht eine zu große Belastung.
Welche Alternativen gibt es zu mehrtägigen Zeltfestivals?
Eintägige Konzerte und Partys, nach denen man bequem im eigenen Bett landet, sind eine gute Option. Auch entschleunigte Weinfeste und Gourmet-Veranstaltungen, bei denen man sich in Ruhe unterhalten kann, bieten viel Genuss.
Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mehr Komfort möchte?
Nein. Das Bedürfnis nach Komfort ist kein Zeichen von Langeweile oder Abstumpfung, sondern von Selbstkenntnis. Man darf in jedem Alter so feiern, wie es den eigenen Bedürfnissen entspricht.











