Wie so viele andere habe auch ich mir meinen Ruhestand jahrelang auf der Terrasse eines steinernen Hauses am Meer vorgestellt. Im Hintergrund das Zirpen der Zikaden, am Zaun der Duft reifer Feigen, und das frische Abendessen genießen wir mit Blick auf den Sonnenuntergang. Was braucht das Glück im Alter mehr?
Lange war ich fest davon überzeugt, dass ich für das sorglose Leben, das mediterrane Lebensgefühl und das langsamere Tempo mindestens tausend Kilometer weit reisen müsste – nach Süden, oder besser noch nach Südwesten. Doch als es endlich an der Zeit war, unseren Garten neu zu gestalten, und ich mich mit einem befreundeten Fachmann beriet, redete er mir die gewohnten heimischen Pflanzenarten ohne zu zögern aus.
„Die Thuja kannst du vergessen, die Fichte vertrocknet, und die Himbeere wird nur leiden.“
Und mir wurde klar: Die ersehnten mediterranen Zutaten warten nicht in der Ferne auf mich – sie können jetzt auch bei mir gedeihen.
Mein Garten weiß längst, was wir gerade erst lernen
Zwar warnen Meteorologen und Klimaforscher davor, zu behaupten, das Klima Mitteleuropas sei offiziell mediterran geworden (oder werde es), doch am eigenen Leib – und an unseren Pflanzen – spüren wir den tiefgreifenden Wandel trotzdem. Die Fachleute sprechen eher von extremer werdenden kontinentalen oder submediterranen Einflüssen, bei denen die Winterfröste fast völlig ausbleiben, während die Sommer uns mit schwülen, dürregeplagten Wochen auf die Probe stellen.
Wenn ich in meinen Garten gehe oder mich in den umliegenden Wäldern umsehe, ist der Wandel erschütternd greifbar – und zugleich faszinierend. Die immergrünen Gewächse, die in unserer Kindheit zur Grundausstattung jedes Gartens gehörten, und die Laubbäume, die kühles Wetter lieben, verschwinden langsam aus der Gegend, weil sie diesen sommerlichen Hitzeschock nicht mehr ertragen.
Und doch weiß ich: Wenn etwas vergeht und verschwindet, tritt Neues an seine Stelle – und in der Natur ist das nicht anders.
Am Fuß meines Hauses biegt sich schon der Feigenbaum, der Granatapfel übersteht den Winter mühelos, am Rand der Pflastersteine wächst zufrieden der Oleander, und die Palmlilie schüttet ihre Blüten nur so aus. Und wenn ich mich auf eine kaum halbstündige Fahrt einlasse, höre ich an immer mehr Uferstellen den klingenden Zikadenchor – und beim Blick auf die sanften Wellen fühle ich mich, als säße ich an irgendeiner nahen Meeresküste. Es fehlt nur der salzige Duft.
Natürlich kann ich nicht leugnen, dass in diesem Anblick, in diesem Gefühl auch ein wenig Klimaangst mitschwingt. Und trotzdem liegt für mich etwas Erhebendes darin, wie die Natur sich ihren Weg bahnt.
Das berühmte italienische Lebensgefühl kommt nicht (immer) mit dem Flugticket
Ich habe Glück gehabt: Ich durfte viel Zeit in meinen liebsten südlichen Regionen verbringen, habe hier und da sogar monatelang dort gelebt – und trotzdem dauerte es lange Jahre, bis ich das wahre Geheimnis dieses Lebens wenigstens teilweise begriff.
Ich musste lernen, dass Essen nicht nur Nährstoffaufnahme ist, sondern oft der Höhepunkt des Tages, und dass die Freude am Kochen bei selbst gezogenen, sonnengereiften Zutaten beginnt. Ich musste begreifen, dass Bewegung auch einfach ein gemütlicher Abendspaziergang an der frischen Luft sein kann – und dass das dolce far niente, die süße Kunst des Nichtstuns, alles andere ist als Faulheit.
Lange hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich innehielt, um mich auszuruhen, oder wenn ich einfach nur spürte, dass „die Dinge gut laufen“. Doch die mediterrane Kultur hat mich gelehrt, dass das Auskosten des Augenblicks uns sehr wohl zusteht. Um uns den Zauber eines guten Essens, eines Glases Wein, guter Gesellschaft oder der Liebe zu schenken, müssen wir eigentlich gar nicht umziehen – denn diese Haltung können wir jederzeit auf die eigene Terrasse holen.
Vielleicht stellt uns die Veränderung unserer Umwelt vor ernste Herausforderungen. Doch in diesem neuen Klima verbirgt sich auch die Chance zur inneren Entschleunigung, zum Wertschätzen der Dinge.
Wenn ich abends unter der Laube sitze oder eine reife Feige von meinem eigenen Baum pflücke, während ich dem Zirpen der Grillen lausche und mit wachen Augen die Auguststernschnuppen beobachte, wird mir jedes Mal klar: Glück ist keine Frage des geografischen Standorts.
Die Welt verändert sich, und so beängstigend dieser Wandel oft ist – wir können trotzdem neben aller Schwierigkeit das Geschenk der Gegenwart genießen. Denn das echte mediterrane Lebensgefühl beginnt nicht unter Palmen, sondern dort, wo wir endlich lernen, ohne schlechtes Gewissen im eigenen Leben präsent zu sein. Und dafür müssen wir womöglich keinen einzigen Kilometer weiterziehen.
Kann man das mediterrane Lebensgefühl wirklich zu Hause erleben?
Ja. Wie im Artikel beschrieben, ist es weniger eine Frage des Ortes als der Haltung: bewusstes Genießen von Essen, Ruhe und Gesellschaft. Diese Lebensweise lässt sich auf jede eigene Terrasse holen.
Welche mediterranen Pflanzen wachsen inzwischen auch in unseren Gärten?
Feigenbaum, Granatapfel, Oleander und Palmlilie gedeihen laut der Autorin mittlerweile problemlos – der Granatapfel übersteht sogar den Winter ohne Mühe.
Warum verschwinden die klassischen Gartenpflanzen aus unserer Kindheit?
Immergrüne Gewächse und kühleliebende Laubbäume vertragen den zunehmenden sommerlichen Hitzeschock immer schlechter und verschwinden deshalb langsam aus vielen Gegenden.
Was bedeutet „dolce far niente“?
Es ist die süße Kunst des Nichtstuns – und laut Artikel alles andere als Faulheit. Gemeint ist das bewusste, schuldfreie Genießen von Ruhe und Gegenwart.











