Es gibt Orte, die man von tausend Fotos kennt und trotzdem falsch im Kopf hat. Die Amalfiküste gehört dazu. Auf Bildern wirkt sie wie eine hübsche kleine Bucht, in der man morgens Kaffee trinkt und mittags ins Wasser springt. In Wirklichkeit ist sie eine steile, schmale, sehr lebendige Küstenlinie, an der jeder Weg länger dauert als gedacht – und die genau deshalb so schön ist, wenn man sie richtig plant. Der September ist dafür der beste Kompromiss: Das Meer hat noch Sommerwärme, die Hitze wird erträglicher, und die dichteste Reisewelle ebbt langsam ab.
Die Straße ist Teil der Reise – und der Nervenprobe
Die Küstenstraße ist ein Erlebnis und eine Zumutung zugleich: Serpentinen, Felsen auf der einen Seite, Abgrund auf der anderen, Reisebusse, die Zentimeter aneinander vorbeizirkeln, dazwischen Roller. Wer selbst fährt, braucht Geduld und muss vorher klären, ob die Unterkunft überhaupt einen Stellplatz hat – Parken ist an dieser Küste das teuerste und knappste Gut, und die Suche kostet mehr Urlaubslaune, als man glaubt.
Entspannter ist die Kombination aus Linienbus und Fähre. Die Busse verbinden die Orte entlang der Küste, sind aber voll und unpünktlich, sobald es voll wird; man steht dann eng in den Kurven. Die Schiffsverbindungen zwischen Salerno, Amalfi, Positano und Sorrent verkehren in der Saison und sind die schönere Variante: Man sieht die Dörfer von der Wasserseite, wo sie tatsächlich so aussehen wie auf den Bildern. Wichtig: Bei starkem Wind fallen Fahrten aus, deshalb sollte am Abreisetag nie der letzte Anschluss auf dem Spiel stehen.
Treppen, Treppen, Treppen
Was auf keinem Foto zu sehen ist: Diese Orte sind vertikal. Zwischen Bushaltestelle und Zimmer liegen oft mehrere hundert Stufen, zwischen Strand und Frühstück ebenfalls. Wer mit großem Hartschalenkoffer anreist, lernt das schmerzhaft. Ein Rucksack oder eine weiche Reisetasche, gute Schuhe mit Profil und die ehrliche Frage, wie fit man wirklich ist, machen den Unterschied zwischen Postkarte und Frust.
Das gilt auch für die Unterkunftswahl: „Meerblick“ heißt an dieser Küste fast immer „oben“. Wer lieber flach wohnt, ist in Orten wie Minori oder Maiori besser aufgehoben, wo die Promenade tatsächlich eben ist. Wer die berühmten Ausblicke will, zahlt sie mit Waden.
Die Uhrzeit entscheidet über alles
Der größte Hebel für einen schönen Tag ist nicht der Ort, sondern die Stunde. Zwischen dem späten Vormittag und dem frühen Abend gehören die bekannten Gassen den Tagesgästen von Bussen und Schiffen. Vorher und nachher sind dieselben Straßen fast leer: Um acht Uhr morgens ist Amalfi eine Kleinstadt, in der Menschen Brot kaufen; um halb zehn abends sitzen in Positano wieder Einheimische auf den Stufen.
Nach demselben Prinzip funktioniert die Auswahl der Orte. Atrani liegt gleich neben Amalfi und wird von den meisten übersehen, obwohl es der intimere Ort ist. Ravello liegt hoch über der Küste, kühler, ruhiger, mit Gärten und Ausblicken, die den Aufstieg wert sind. Und wer gern läuft, sollte den bekannten Höhenweg zwischen den Bergdörfern früh am Morgen angehen: Der Blick von oben auf die Küste ist der Moment, an den man sich später erinnert – Sonnenschutz, Wasser und feste Schuhe vorausgesetzt.
Baden ist hier anders als am Sandstrand
Wer weite, weiche Sandstrände erwartet, wird überrascht. Die Strände sind meist kieselig, schmal und in Reihen von Liegen organisiert; freie Abschnitte sind klein und früh belegt. Badeschuhe sind kein Luxus, sondern Grundausstattung. Am schönsten ist das Wasser ohnehin abseits: von kleinen Buchten aus, die man nur zu Fuß oder mit dem Boot erreicht, oder am späten Nachmittag, wenn die Liegenreihen sich leeren und das Meer noch die Wärme des Tages hat.
Kulinarisch lohnt es sich, das Offensichtliche zu verlassen. Direkt an der Hauptpromenade isst man teuer und mittelmäßig, ein paar Gassen weiter oben oft hervorragend. Zitrone in allen Formen, Pasta mit Meeresfrüchten, gebackene Zucchiniblüten, dazu ein einfacher Weißwein aus der Region: Es braucht keine Reservierung im Panoramarestaurant, um sich an diese Küste zu verlieben.
Lohnt sich die Amalfiküste im September noch?
Ja, und für viele ist es sogar die beste Zeit: Das Meer hat die Wärme des ganzen Sommers gespeichert, die Tage sind noch lang genug für Wanderung und Bad, und die Luft wird abends angenehm. Rechne trotzdem nicht mit Einsamkeit – die Küste bleibt bis in den Herbst gut besucht, nur eben etwas entspannter. Je weiter der Monat fortschreitet, desto mehr schließen einzelne Strandbetriebe und Fährverbindungen, deshalb lieber vor Ort nach den aktuellen Fahrzeiten fragen.
Wo übernachtet man am besten, wenn man kein Auto hat?
Am unkompliziertesten sind Orte, die sowohl vom Bus als auch vom Schiff bedient werden – Amalfi ist der praktischste Ausgangspunkt, weil von dort fast alles erreichbar ist. Wer preisbewusster reisen will, wohnt in Salerno oder im Umland von Sorrent und fährt tagsüber an die Küste; das spart Geld und erspart die abendliche Suche nach dem letzten Bus. Achte bei der Buchung immer auf die Zahl der Stufen zur Unterkunft und darauf, wie weit die nächste Haltestelle entfernt ist: An dieser Küste ist das wichtiger als jede Sternebewertung.










