Jede Familie kennt dieses ewige Planungsdilemma: den perfekten Urlaubsort finden, an dem wirklich jeder auf seine Kosten kommt – obwohl alle etwas völlig anderes vom freien Wochenende erwarten.
Bei uns kommt noch eine ganz klassische Konstellation dazu: die scharfe Trennung zwischen den typischen „Männer-Programmen" und „Frauen-Programmen".
Als das Thema Angeln aufkam, tauschten meine Tochter und ich sofort einen vielsagenden Blick aus. Diese Welt liegt uns, gelinde gesagt, ziemlich fern. Mich reizt das Angeln nicht im Geringsten, und auch als Beschäftigung passt es nicht zu meinem Blick auf die Natur – nicht einmal, wenn wir von „Sportangeln" sprechen.
Doch das Schicksal wollte es anders: Die Männer hatten diesmal ein Apartment ins Auge gefasst, das im Vergleich zu den üblichen, puristischen Angelhütten um Welten komfortabler – und dementsprechend natürlich teurer – war. Ihr Argument: Der Ort sei so schön, dass auch wir ihn lieben würden, und wenn wir gemeinsam anreisen, ließen sich die Kosten viel besser aufteilen. Nach kurzem Zögern beschlossen wir, dem Ganzen eine Chance zu geben und für dieses lange Wochenende mitzukommen.
Luxus am Steg – oder: Wellness hinter den Angelruten
Schon bei der Ankunft war ich beruhigt: Uns empfing ein unendlich charmantes, modernes Holzhaus mit allem erdenklichen Komfort. Sein größter Zauber lag darin, dass wir von der großzügigen Terrasse direkt auf einen riesigen, massiven Steg treten konnten.
Dieser Steg funktionierte ganz nebenbei genial als Raumteiler. Während die Männer entspannt ihre Angelruten aufstellten, breiteten meine Tochter und ich ohne Probleme unsere Handtücher am anderen Ende aus. So konnten wir gleichzeitig ungestört sonnenbaden, plaudern und aufs wiegende Wasser schauen – ohne uns gegenseitig in die Quere zu kommen.
Das Sahnehäubchen – im wörtlichen und übertragenen Sinne – war der große Whirlpool, der leise auf der Terrasse vor sich hin blubberte. Dieses kleine Extra brachte ein Wellness-Gefühl in unsere Tage, das ich mir als Begleiter eines klassischen Angelwochenendes vorher nie hätte vorstellen können.
Wer sich fragt, ob so eine bewusste Auszeit vom Alltag wirklich etwas verändert, findet in unserem Familienexperiment mit einer Woche ohne Bildschirme spannende Antworten.
Natürlich fand ich am Ende, wie so oft, in ganz anderen Dingen meine wahre Erholung als die übrigen: Ich verliebte mich völlig in die obere Etage des Holzhauses.
Zwar war die Deckenhöhe etwas niedriger als gewohnt, aber man konnte bequem aufrecht stehen – und schon auf den ersten Blick wirkte alles wunderbar gemütlich und einladend.
Die eigentliche Genialität lag jedoch in der Anordnung der Fenster, die genau auf Betthöhe nach draußen blickten. Genau hier nistete ich mich zwischen den riesigen, weichen Kissen ein und las stundenlang. Und wenn ich meinen Augen eine Pause gönnen wollte, musste ich mich nur umsehen: rechts wogte ein endloses, gelb leuchtendes Sonnenblumenfeld, gegenüber zeichneten sich die Straße und die Silhouette ferner Berge ab, und links glitzerte die Oberfläche des Sees. In welche Richtung ich meinen Kopf auch drehte – überall gab es einen seelenberuhigenden Anblick, bei dem es guttat zu verweilen.
Das Mittagessen mit Panorama und das Wunder des Digital Detox
Natürlich kam auch die Fürsorge für die Familie nicht zu kurz – aber strikt zu meinen eigenen Bedingungen. Ich kochte für die Männer Mittag- und Abendessen, jedoch ausschließlich einfache, schnelle Gerichte, für die ich nicht stundenlang in der Küche stehen musste. Und selbst das fühlte sich nicht nach Arbeit an, denn auch von der Küche aus hatte man ein vollständiges Panorama auf den See – selten habe ich in einer inspirierenderen und ruhigeren Umgebung gekocht.
Die größte Überraschung bereitete mir jedoch meine Tochter. Es war verblüffend zu sehen, wie leicht und selbstverständlich sie die Technik losließ. Tagelang kam ihr nicht einmal in den Sinn, nach ihrem Tablet zu greifen. Als sie sah, wie jemand am Handy scrollte, fragte sie sogar empört nach:
Wie kann man an so einem wunderschönen Ort bloß Videos durchscrollen?
Am Ende gab uns dieses lange Wochenende viel mehr als eine einfache, angenehme Auszeit: Es schrieb unsere Vorstellung von gemeinsamer Erholung komplett neu. Dass die Männer am Steg angelten, ich mich mit meinem Buch verkroch und meine Tochter für sich die Stille entdeckte, entfernte uns nicht voneinander – im Gegenteil, es brachte uns viel näher zusammen.
Es stellte sich heraus: Wellness und Angelruten vertragen sich bestens – man braucht nur einen guten Steg und ein bisschen Offenheit.
Kann ein Angelwochenende auch für Nicht-Angler entspannend sein?
Absolut. Ein großer Steg wirkt als natürlicher Raumteiler: Während die einen angeln, können die anderen ungestört sonnenbaden, lesen oder einfach aufs Wasser schauen.
Wie lässt sich ein Urlaub planen, wenn alle etwas anderes wollen?
Der Schlüssel ist ein Ort, der verschiedene Aktivitäten gleichzeitig zulässt. Bei uns machten der komfortable Steg, ein gemütlicher Rückzugsort im Obergeschoss und das gemeinsame Aufteilen der Kosten den Unterschied.
Fördert eine Auszeit in der Natur wirklich den Digital Detox?
In unserem Fall ja. Meine Tochter griff tagelang von selbst nicht zum Tablet – die schöne Umgebung machte das Scrollen einfach uninteressant.
Bringt getrennte Beschäftigung im Urlaub die Familie näher zusammen?
Bei uns schon. Jeder ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach, und genau dieses entspannte Nebeneinander hat uns am Ende enger verbunden statt getrennt.











