Wenn ich auf diesen Sommer zurückblicke, merke ich, wie jedes Buch mich tiefer hinter die Kulissen blicken ließ. Nicht nur die Geschichten zogen mich in ihren Bann, sondern auch die Erkenntnis, wie vielschichtig die Welt ist, in der wir leben.
Die Geschichte des weiblichen Körpers aus neuer Perspektive

Elinor Cleghorns Buch Leidende Frauen hat mich tief berührt. Die Autorin begann mit ihren eigenen Erfahrungen: Jahrelang wurden ihre Beschwerden nicht ernst genommen, sie wurde systematisch abgewiesen, bis schließlich eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert wurde. Daraus entwickelte sich ihre Recherche, die mit beeindruckender Detailtiefe aufzeigt, wie viele Vorurteile, Mystifizierungen und Fehldiagnosen die Geschichte der Frauengesundheit durchziehen.
Beim Lesen spürte ich eine wachsende Wut. Wie viel körperlichen und seelischen Schmerz, wie viele Demütigungen mussten unsere Vorfahrinnen ertragen, nur weil sie Frauen waren! Cleghorns Buch bietet nicht nur einen historischen Überblick von der Antike über Hexenprozesse bis zur Entstehung des Hysterie-Begriffs und den Möglichkeiten der Empfängnisverhütung, sondern erzählt auch viele (oft moderne) Geschichten, die zeigen, wie lange Frauen unsichtbar leiden.
Semmelweis: Die früh erkannte Wahrheit

Gárdos Péter schrieb den Roman Semmelweis Ignács kurzes Glück, der meine Sommerabende mit einer ganz anderen Stimmung füllte. Semmelweis’ Geschichte kennt jeder – sei es aus der Grundschule oder dem kürzlich erschienenen Film über sein Leben. Er entdeckte, dass das Desinfizieren der Hände von Ärzten unzählige Leben retten kann. Doch wie viele geniale Pioniere wurde er von seinen Zeitgenossen verspottet, abgelehnt und gedemütigt, bis er schließlich tragisch allein mit seinen Gedanken blieb.
Beim Lesen spürte ich die erdrückende Ungerechtigkeit, die ihn umgab. Kam seine bahnbrechende Erkenntnis wirklich zu früh? Oder versuchte er, seine Wahrheit mit einer Leidenschaft durchzusetzen, die die Welt damals nicht aufnehmen konnte? Was hätte ich an seiner Stelle gefühlt? Und wie viele ähnliche Geschichten spielen sich gerade jetzt auf der Welt ab? Ich schloss das Buch, doch das Thema blieb offen…
Das geheime Gesicht von Coco Chanel

Pamela Binnings Ewens Roman Die Königin von Paris zeigt das Leben der legendären Coco Chanel aus einer ganz anderen Perspektive. Wir kennen sie alle durch das kleine Schwarze und den Duft Chanel No. 5, doch dieses Buch erzählt viel mehr.
Ich habe in letzter Zeit Kriegsbücher gemieden, aber diesem Roman konnte ich nicht widerstehen – und das hat sich gelohnt, denn ich konnte die Ereignisse des Krieges erleben und danach trotzdem ruhig schlafen. Das Buch fängt die Spannung der Besetzung von Paris ein, die Machtspiele hinter den Mauern des Hotel Ritz und natürlich Chanel selbst, die zugleich großzügig und unerbittlich sein konnte. Wer ihre Geschichte kennt, weiß, dass sie während des Krieges als Spionin tätig war und Entscheidungen traf, die bis heute ihr Bild spalten. Dieses Buch zeigt auch, was sie auf diesen Weg brachte – ohne ihre Taten zu entschuldigen.
Hinter den Kulissen der ungarischen Unterwelt

Einige Bücher von Dezső András hatte ich schon gelesen (Ungarische Cola, Großboss), doch für mich ist Mafiöse in Jogginghosen der stärkste Roman. Es ist, als würde ein alter Film vor mir ablaufen, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere: Kriminelle, geheime Akten, Explosionen, alte Zeitungsartikel und legendäre Figuren erwachen zwischen den Zeilen zum Leben.
Besonders spannend fand ich, wie diese Bücher die gesellschaftlichen Veränderungen der jüngeren Vergangenheit zeigen. Wer woher kam, was aus ihnen wurde und welchen Einfluss sie auf ihr Umfeld oder sogar unser Land hatten. Diese Auseinandersetzung mit der ungarischen Realität war zugleich erschreckend und fesselnd. Nachdem ich auch Die Titelgeschichte gelesen hatte, konnte ich nicht mehr durch Budapest gehen, ohne die Hälfte der Menschen als Spione oder Geheimagenten zu sehen.
Nächtliche Abenteuer mit der ungarischen Elite

Kordos Szabolcs’ Bücher sind immer leicht zu lesen, man verschlingt sie fast, vielleicht weil wir alle gern ein bisschen hinter die Kulissen anderer Menschen schauen oder einfach mal einen Blick hinter die Fassade werfen wollen. Die Romane zeigen, wie das Leben in der Gastronomie und Hotelbranche wirklich ist, gewähren Einblicke in die geschlossene Welt der heimischen Elite, in Jagdpartys, VIP-Lounges, geheime Clubs und sogar das Showbusiness.
Wenn man Luxus oder die Oberfläche durchschaut, entdeckt man die Absurdität sozialer Unterschiede – das ist zugleich unterhaltsam, schockierend und zum Nachdenken anregend. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, als gäbe es um mich herum ein Paralleluniversum – hermetisch verschlossen und für die meisten unsichtbar. Aber ich dachte auch, dass mir dieses Universum in meinem Leben überhaupt nicht fehlt…











