Man denkt, Make-up bringt nur Kellnerinnen mehr Trinkgeld, doch sogar Büroangestellte verdienen 20 % mehr, wenn sie sich schminken.
Äußere Werte
Als Studentin brauchte ich dringend einen Job und wurde sofort als Barkeeperin eingestellt. Als introvertierte Literaturstudentin hatte ich keine Ahnung von Fassbier, aber nach einer Trennung hatte ich 15 Kilo abgenommen und die Uniform stand mir gut. (Das war eine enge Jeans und ein noch engeres weißes T-Shirt.)
Von meinen Kolleginnen lernte ich schnell: Je stärker mein Make-up, desto mehr Trinkgeld gaben die männlichen Gäste. Und wenn ich meine Haare süß zu einem Zopf band, gab es noch mehr. Das war meine erste wichtige Lektion fürs Berufsleben.
Gefördert
Ich war mein Leben lang durchschnittlich schön, so ein grauer Mäuserich-Typ. Da ich nie die exzentrische Party- oder Flirtmaus war, störte mich das nicht. Aber umso mehr, dass alle Kolleginnen befördert wurden, während ich seit drei Jahren in derselben Position feststeckte.
Genau darüber klagte ich meiner Friseurin, die sagte, ich solle ihr einmal vertrauen und meine Haare blondieren lassen. Ich ließ es zu und hasste das Ergebnis, weil die helle Farbe mein Gesicht „auswusch“. Also musste ich Make-up tragen, wenn ich nicht wie unsichtbar aussehen wollte.
Die Veränderung war sofort spürbar: Männer auf der Straße schauten mir nicht nur hinterher, sondern auch im Büro grüßten mich plötzlich Kollegen auf dem Flur, die mich vorher nicht wahrgenommen hatten. Und wer bekam die nächste fette Beförderung? Natürlich ich, der blonde Wirbelwind.
Traurige Fakten
Seit ich eine Studie von 2023 gelesen habe, schminke ich mich. Sie untersuchte Frauen mit MBA-Abschluss (Master of Business Administration) und zeigte, dass „konventionell attraktive“ Frauen nach 15 Jahren Berufserfahrung im Schnitt 5.528 EUR mehr pro Jahr verdienen als durchschnittlich aussehende Kolleginnen und 52,4 % häufiger höhere Positionen bekleiden.
Gepflegte Nägel, gestylte Haare und Make-up steigerten das Gehalt messbar um 20 %. Morgens schminke ich mich zwar ungern, aber für meine Karriere mache ich das gerne.

Gesehen werden
Gerade als die Covid-Pandemie ausbrach, wechselte ich den Job, und alles lief online. Bei Zoom-Meetings zeigte ich mich kaum, sodass ich meine Kollegen erst viel später persönlich traf.
Damals war es vorbei mit dem goldenen Leben: Ich konnte nicht mehr im Schlafanzug, mit zerzausten Haaren und ohne Make-up arbeiten. Heute bügle ich Blusen, föhne meine Haare und schminke mich.
Eigentlich würde ich es nicht tun, weil ich mich auch ohne Make-up wohlfühle. Aber ich weiß, dass im Konzernumfeld das Äußere leider fast genauso zählt wie das Wissen.
Investition
Ich stehe morgens nicht gern früher auf und gebe ungern Geld für Make-up aus. Aber ich sehe es als Investition in meine Karriere. Oft habe ich gesehen, dass die attraktivste Kollegin auch die erfolgreichste im Unternehmen war. Früher habe ich gelernt, dass ein gepflegtes Äußeres mindestens genauso eng mit dem beruflichen Aufstieg verbunden ist wie Ausbildung oder Erfahrung.
Und bevor wir uns zu sehr aufregen: Auch Männer werden eher befördert, wenn sie größer, muskulöser, gutaussehender oder besser gekleidet sind. Wir sind Menschen, wir sind fehlbar – so viel zählt das Äußere nun mal. Also Mädels, egal in welchem Bereich ihr arbeitet, mein Tipp: Legt ein bisschen Make-up auf.











