Schon als Kleinkind liebte meine Tochter die „ungewöhnlichen“ Wesen in Geschichten. Während andere Kinder Prinzessinnen oder Helden bewunderten, interessierte sie sich für die Schattenfiguren im Hintergrund. Es waren die seltsamen Gestalten, die ihre Neugier weckten. Angst hatte sie davor nicht – eher eine gesunde Neugier.
Jetzt ist sie sieben, zeichnet leidenschaftlich gern und hat eine wirklich erstaunliche Fantasie. Wann immer sie kann, erschafft sie kleine Monster. Manchmal sind es selbstbewusste Roboter, dann wieder Zombie-Teddys, Vampire oder andere schwer einzuordnende Wesen. Einige haben drei Augen, andere Flügel, und manche sind, zugegeben, auch für mich überraschend gruselig geworden.
Ich kann verstehen, wenn das manche beunruhigt. Ich nicht.
Zum einen, weil ich nicht glaube, dass man die Persönlichkeit oder das seelische Befinden eines Kindes allein an einem einzelnen Interessensbereich festmachen kann. Wer nur ihre Zeichnungen sehen würde, könnte schnell falsche Schlüsse ziehen. Aber ich sehe das Gesamtbild.
Ich weiß, dass meine Tochter empathisch, freundlich, fröhlich ist und leicht Kontakt zu anderen findet. Sie achtet auf ihre Freunde, tröstet, wenn jemand weint, und hat einen genialen Humor. Wir lachen viel zusammen. Ehrlich gesagt: es gibt nichts, was mir auch nur im Entferntesten Sorgen bereiten würde, und es gibt kaum etwas, bei dem ich mir so sicher bin, wie dass aus meiner Tochter ein guter Mensch wird – und das liegt nur zum kleinen Teil an mir, denn ich habe wirklich gutes Material zum Arbeiten. Aber eins steht fest: sie hat eine lebendige Fantasie – und die zeigt sich eben nicht in Einhörnern.
Ihr Interesse ist tatsächlich ungewöhnlich. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Tim Burton als Kind Regenbögen und Ponys gemalt hat. Kreativität entsteht oft gerade aus dem, was anders ist als die Norm. Etwas, das ein bisschen seltsam, etwas dunkler, etwas anders ist.

Mit dem Gedanken an den Tod, gruseligen Dingen und dem Gefühl von Bedrohung müssen wir alle irgendwie umgehen. Sie gehören zum Leben dazu. Auch Kinder begegnen ihnen – in Geschichten, in Nachrichtenfetzen, in Gesprächen auf dem Spielplatz. Und während wir uns vor den Gestalten fürchten, die im Dunkeln lauern, steckt in uns auch eine morbide Neugier. Sonst wären True-Crime-Formate oder Horrorfilme nicht so beliebt.
Der Unterschied ist nur, dass wir Erwachsenen das oft intellektuell verpacken. Kinder hingegen zeichnen einfach.
Für mich geht es bei den Monsterzeichnungen meiner Tochter nicht um Dunkelheit, sondern um Kontrolle. Wenn sie einen Zombie-Teddy aufs Papier bringt, entscheidet sie, wie er aussieht. Sie gibt ihm Namen, Geschichte und Persönlichkeit. Aus dem Furchteinflößenden wird so etwas Handhabbares. Aus Bedrohlichem wird Spielerisches. Aus Chaos wird kreative Form.
Zeichnen – und Kreativität allgemein – sind meiner Meinung nach großartige Strategien zum Umgang mit Herausforderungen
Sie ermöglichen es, sich spielerisch mit der dunkleren Seite auseinanderzusetzen, ohne sie zu verdrängen oder zu tabuisieren. Denn die Welt besteht nicht nur aus Sonnenschein und Glitzer. Wenn ein Kind diese Komplexität spielerisch verarbeitet, sehe ich darin eher Stärke als Gefahr.

Natürlich achte ich darauf. Als Elternteil ist das meine Aufgabe. Wenn zu den Zeichnungen Angst, Rückzug oder anhaltende schlechte Stimmung kämen, würde ich anders denken. Aber solange ich ein ausgeglichenes, fröhliches, neugieriges Kind sehe, das das Gestalten genießt und stolz seinen dreiköpfigen Vampir-Hasen zeigt, habe ich keine Angst.
Ich akzeptiere einfach, dass das Schicksal mir so ein besonderes Wesen geschenkt hat. Ein etwas anderes Kind. Eines, das vielleicht keine Prinzessinnen zeichnet, aber sicher großartige Geschichten erzählt. Und ich bin gespannt, was aus ihr als Erwachsene wird, wenn ich ihre Besonderheiten nicht unterdrücke.











