Meinungsartikel: Borka Schuster
Jeden Sommer passiert dasselbe: Ich öffne Social Media, und innerhalb weniger Minuten prasseln zwanzig Videos auf mich ein – wie man zu Hause einen Mini-Freizeitpark baut, eine Sinnesspielstation einrichtet, eine thematische Abenteuerwoche plant oder gleich fünfzig kreative Aktivitäten parat hat, falls sich das Kind länger als fünf Minuten langweilen sollte.
Die Absicht dahinter ist natürlich gut. Wir alle wollen schöne Erinnerungen mit unseren Kindern sammeln, und wahrscheinlich könnten wir alle schon am dritten Tag ein bisschen kreative Hilfe gebrauchen, weil uns langsam die Ideen ausgehen. Klar wollen wir, dass die Sommerferien etwas Besonderes werden – dass wir gemeinsame Erlebnisse haben, an die wir noch Jahre später mit einem Lächeln zurückdenken.
Daran ist auch überhaupt nichts falsch.
Mein Problem ist eher, dass Social Media manchmal so tut, als wären die Sommerferien ein zweimonatiges Kinderunterhaltungsprojekt – dessen Hauptverantwortliche selbstverständlich die Mutter ist, die ja sonst nichts zu tun hat, als den Alltag ihres Kindes in Zauberei zu verwandeln.
Als bräuchte das Kind in jeder Minute des Tages ein Programm. Als hätten wir in diesen zweieinhalb Monaten sonst nichts zu tun.
Als wären wir schlechte Eltern, wenn an einem Dienstagvormittag nicht gleichzeitig hausgemachtes Eis, Salzteig und ein regenbogenfarbener Hindernisparcours entstehen.
Auch ich bin schon in diese Falle getappt
Es gab Sommer, in denen ich das Gefühl hatte, ständig etwas organisieren zu müssen. Einen Ausflug, eine Bastelrunde, gemeinsames Backen, den Spielplatz, ein Programm – und zur Sicherheit gleich noch ein Programm.
Solche Erlebnisse sind natürlich wichtig, und ein paar Pläne lohnt es sich in den Wochen umzusetzen, in denen wir selbst Urlaub haben. Aber die meisten von uns verbringen nicht den ganzen Sommer im Urlaub. Wir versuchen, neben der Arbeit alles zu stemmen: den Haushalt zu schmeißen, als Logistikmanagerin zu funktionieren – und obendrein noch so unvergessliche Ferien zu zaubern, als wären wir die Kreativdirektorin eines Familien-Freizeitparks.
Das ist einfach keine realistische Erwartung.
Und was noch wichtiger ist: Es ist gar nicht unbedingt nötig
Denn was auch immer das Internet uns einreden will – es schadet einem Kind nicht, wenn es sich ab und zu langweilt.
Im Gegenteil.
Die Entwicklungspsychologie und die Forschung zur kindlichen Kreativität haben längst gezeigt, dass Langeweile nicht zwangsläufig ein negativer Zustand ist. Wenn ein Kind kein fertiges Programm bekommt, nicht ständig bespaßt wird und keine endlose Flut an Reizen vor sich hat, muss es sich selbst überlegen, was es mit seiner Zeit anfängt.
Genau dann setzt seine Fantasie ein.
Es baut eine Höhle im Wohnzimmer, denkt sich ein Spiel aus, fängt an zu malen, erfindet eine Geschichte – oder schaut einfach nur in die Luft, träumt und lässt seine Gedanken wandern.
Laut Forschenden spielen genau diese scheinbaren „Nichtstun"-Phasen eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Kreativität, Problemlösefähigkeit und Selbstständigkeit.
Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Wenn wir auf das übliche „Miiir ist so laaangweilig" nicht sofort anspringen, haben Kinder – oh Wunder! – ziemlich schnell genug davon und fangen von allein an, sich mit irgendetwas zu beschäftigen.
Vielleicht führen ausgerechnet diese faulen Nachmittage, diese trägen Tage am Ende zu schöneren Erinnerungen als der fünfzigste Pinterest-Vorschlag. Vielleicht bleibt gerade daraus auch unseren Kindern jenes Gefühl, das wir selbst mit dem Sommer verbinden: dieses angenehme, ineinanderfließende, klebrig-endlose Empfinden, wie sich die Ferien damals angefühlt haben.
Also sage ich: Sammelt gemeinsame Erinnerungen, beobachtet Sternschnuppen, geht ans Wasser und esst Eis zum Mittagessen! Aber hab kein schlechtes Gewissen, wenn du nicht jeden Tag Stunde für Stunde durchplanst. Damit machst du dir nicht nur unnötig ein schlechtes Gewissen – vielleicht tust du deinem Kind damit sogar gar nicht den größten Gefallen.
Warum ist Langeweile gut für Kinder?
Wenn Kinder nicht ständig bespaßt werden, müssen sie selbst entscheiden, was sie mit ihrer Zeit anfangen. Genau das fördert laut Forschung ihre Fantasie, Problemlösefähigkeit und Selbstständigkeit.
Muss ich als Mutter die Sommerferien komplett durchplanen?
Nein. Ein paar gemeinsame Erlebnisse sind wertvoll, aber du musst nicht jeden Tag Stunde für Stunde mit Programm füllen. Diese Erwartung ist weder realistisch noch für dein Kind das Beste.
Was tun, wenn mein Kind sagt, dass ihm langweilig ist?
Nicht sofort einspringen. Wenn du nicht gleich auf das Klagen reagierst, beschäftigen sich Kinder erfahrungsgemäß schon bald von selbst mit etwas.
Warum fühlen sich Eltern im Sommer unter Druck gesetzt?
Social Media stellt die Ferien oft als ein zweimonatiges Unterhaltungsprojekt dar, für das vor allem die Mutter verantwortlich sei. Dieses Bild erzeugt unnötiges schlechtes Gewissen.











