Lange dachte ich, dass die Angst vor dem Älterwerden vor allem daher rührt, dass es immer schwerer fällt, sich der Vorstellung zu stellen, was man "eigentlich" schon hätte erreichen sollen.
Dann wurde mir plötzlich klar, dass es nicht der Zeitverlauf ist, der wirklich schmerzt, sondern das Gefühl, dass bestimmte Lebensphasen unwiderruflich abgeschlossen sind. Mein Herz zieht sich nicht zusammen, weil ich älter geworden bin, sondern weil ich geliebte Lebensabschnitte hinter mir gelassen habe, zu denen ich nicht zurückkehren kann, so sehr ich es mir auch wünsche.
Genau diese Erkenntnis hat in mir den Perspektivwechsel ausgelöst.
Als ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigte, stieß ich zuerst auf Rudolf Steiners Theorie der 7-Jahres-Zyklen. Steiner beschreibt das menschliche Leben nicht als gleichmäßige Linie, sondern als eine Abfolge von Entwicklungstoren, bei denen jeder siebenjährige Abschnitt seinen eigenen körperlichen, seelischen und geistigen Fokus hat.
Wichtig ist nicht, wie alt du bist, sondern welche innere Arbeit du gerade durchläufst – und die hängt nicht allein vom Alter ab.
Das macht Sinn, denn natürlich beschäftigen uns mit 20 andere Fragen als mit 70.
Später kam die Numerologie für mich näher: Hier arbeitet man mit 9-Jahres-Zyklen. Während Steiner zwischen 21 und 28 Jahren die Selbsterkenntnis und zwischen 42 und 49 Jahren die spirituelle Wiedergeburt betont, zeigt sich in der Numerologie ebenfalls, dass zwischen 30 und 45 Jahren ein tiefer Wendepunkt im Leben auftaucht. Parallel dazu berichtet Psychology Today in mehreren Artikeln, dass Lebensereignisse nicht zufällig passieren, sondern sich in rhythmischen, teils 12-jährigen Zyklen wiederholen.

Wenn die Vergangenheit zu schön ist, um den Verlust nicht zu spüren
In den letzten Jahren hat mein Herz oft wehgetan, weil es eine Zeit gab, zu der ich immer wieder zurückwollte. Nachdem meine Tochter laufen lernte, waren wir fast ständig draußen. Wir wohnen an einem wundervollen Ort und haben das voll ausgekostet: Wir sind fast den ganzen Tag spazieren gegangen, waren in unserer kleinen Festung, begleitet von unserem Hund. Ich habe dieses ländliche Idyll mit ihnen voll ausgekostet, von dem ich immer geträumt habe. Wetter und Jahreszeit spielten keine Rolle, wir gingen einfach los – mal mit Proviant für den ganzen Tag, mal eingepackt in Anoraks. Mein Handy ist voll mit Bildern, auf denen sie vor mir durch die verschiedensten Landschaften laufen. Schon beim Drücken des Auslösers wusste ich, dass ich diese Momente niemals vergessen möchte.
Doch unser Hund wurde älter, verlor plötzlich sein Augenlicht, und ich spürte, dass diese Jahre, diese Momente nicht zurückkommen können. Letztes Jahr haben wir ihn verloren, was eine tiefe Wunde in meinem Herzen hinterließ. Gleichzeitig ist meine Tochter in ein Alter gekommen, in dem sie lieber mit Freunden unterwegs ist – oder zumindest rebelliert und keine Lust mehr hat, mit mir durch den Wald zu streifen. Gleichzeitig ist sie noch nicht so selbstständig, dass ich zu meinem früheren Ich zurückfinden und allein oder mit ihrem Vater in Erinnerungen an die „guten alten Zeiten“ durch die Welt spazieren könnte, wann immer ich möchte. Ich stecke in einem Zwischenzustand fest.

Das Leben in Zyklen messen
Ich wollte irgendwie aus diesem Tief herauskommen und begann deshalb, bewusst in Zyklen zu denken. Nicht in Jahren oder Zahlen, sondern in Kapiteln. Das half mir, das Vergangene nicht als Verlust zu sehen, sondern als einen abgeschlossenen, aber unwiederholbar wertvollen Abschnitt. Die glücklichen Waldspaziergänge sind nicht „zu Ende gegangen“, sie haben ihre Rolle erfüllt. Und das, was ich jetzt erlebe, mag eine Übergangsphase sein, aber es ist trotzdem ein Teil meines Lebens.
Diese Sichtweise wird übrigens auch durch psychologische Studien unterstützt.
Eine Studie der British Psychological Society zeigt, dass Menschen, die ihr Leben als eine Abfolge von Kapiteln betrachten, automatisch ihr Selbstwertgefühl stärken und ein klareres Selbstbild entwickeln.
Warum? Vor allem, weil sie besser erkennen, dass das chronologische Alter täuschen kann und wenn wir in Erlebnissen und Lebensphasen denken, wirkt die Vergangenheit nicht ärmer, sondern reicher.
Die Momente, in denen wir wirklich präsent waren, können nicht alt werden. Sie verblassen nicht mit den Jahren, weil sie nicht nur auf Kalenderblättern stehen, sondern in uns leben und uns überallhin begleiten. So geht die Zeit nicht verloren, sondern unser Leben wächst um eine neue Schicht: Jedes Kapitel schenkt uns etwas, selbst wenn es mit Schmerz endet.
Ich bin noch in der Lernphase, aber dieser Perspektivwechsel hilft mir, anders zu altern, er erleichtert es, zu akzeptieren, dass es Lebensphasen gibt, die nur einmal gegeben sind – und dass das Leben dadurch nicht weniger, sondern eher voller wird.











