In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass immer mehr Freunde eine offene Beziehung führen. Menschen, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten zusammen sind, ein gemeinsames Leben und eine Zukunft planen und sich wirklich lieben. Trotzdem sagen sie: Der Sex ist nicht mehr wie früher. Sie wollen ihre Beziehung nicht aufs Spiel setzen, aber auch nicht auf Leidenschaft und den Reiz des Neuen verzichten. Sie sagen, eine offene Beziehung könnte die Lösung sein. Dass Liebe und Verlangen zwei verschiedene Dinge sind, die nebeneinander existieren können.
Oft höre ich in diesen Gesprächen still zu. Ich beobachte und versuche zu verstehen, was diese Entwicklung antreibt. Eine Freundin sagte zum Beispiel: Monogamie ist nur ein gesellschaftliches Konstrukt, es ist eigentlich nicht natürlich, seine Sehnsüchte ein Leben lang an eine Person zu binden. Eine andere meint, offene Beziehungen sind ehrlicher – weil man sich nichts vormacht, nichts verheimlicht, sondern offen sagt, dass das Verlangen auch woanders hin gehen kann.
So sehr ich ihre Sicht verstehe, kann ich ihr nicht zustimmen. Ich verurteile sie nicht und glaube auch nicht, dass Polygamie eine Beziehung automatisch schlechter macht. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es für manche funktioniert – wenn sie stabil, reif und sicher genug sind, um Körperliches von Gefühlen zu trennen. Aber ehrlich gesagt habe ich in meinem Umfeld noch keine offene Beziehung erlebt, die langfristig wirklich funktioniert hat.
Es ist immer etwas passiert. Jemand wurde verletzt. Jemand hat sich zu sehr in eine dritte Person verliebt. Jemand hat erkannt, dass die „Freiheit“ eigentlich eine Flucht war: ein Versuch, echte Probleme in der Beziehung zu umgehen. Dass die „Offenheit“ nur verdeckt hat, was schwer auszusprechen war – dass sich die Beziehung verändert hatte und man nicht loslassen wollte.
Ich fühle einfach: Es ist okay, wenn jemand nicht ewig auf die gleiche Weise brennt. Aber für mich ist die wahre Liebe die, bei der man sich ein bisschen verbrennt. Ich kann nicht halbherzig lieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, den ich begehre, in den Armen eines anderen liegt und ich das friedlich akzeptiere, weil „das eben erwachsen ist“. Nein, so will ich nicht erwachsen lieben.
Vielleicht bin ich idealistisch oder altmodisch. Aber für mich ist Liebe kein „Projekt“, keine flexible, neu definierbare Konstruktion. Liebe ist etwas Instinktives, Wildes und Unberechenbares. Ich will zu jemandem gehören – nicht aus Besitzgier, sondern weil ich nicht anders kann. Ich will, dass eine Berührung auch nach zehn Jahren noch Gewicht hat und ich nicht darüber nachdenken muss, mit wem sie sonst geteilt wird.
Ich weiß auch, dass Leidenschaft nicht ewig gleich stark bleibt. Liebe verwandelt sich natürlich – wird tiefer, ruhiger, vertrauter. Aber ich glaube, wenn wir in einer Beziehung nicht mehr in der Lage sind, uns immer wieder neu zu entdecken, wenn wir nicht einmal ein kleines Feuer am Lodern halten können, dann ist es vielleicht nicht die Lösung, sich anderen zu öffnen. Sondern ehrlich zu sagen: Das ist jetzt nicht mehr dasselbe. Und entweder wir versuchen es nochmal – oder wir lassen los.
Für mich geht Liebe nicht um Kompromisse, sondern um Hingabe. Darum, jemanden zu wählen und bei ihm bleiben zu wollen – nicht, weil ich niemand anderen finden könnte, sondern weil ich es nicht will.
Theoretisch ist es eine schöne Idee, sich nicht zu besitzen. Den anderen frei zu lassen und darauf zu vertrauen, dass er zurückkommt. Aber so will ich nicht lieben. Ich will diese Liebe, bei der niemand gehen will. Wo keine Regeln nötig sind, weil der andere einfach nichts anderes will.
Vielleicht gehört die Zukunft den offenen Beziehungen. Aber wenn dem so ist, bleibe ich lieber ein bisschen in der Vergangenheit. Dort, wo Liebe kein Trend war, sondern ein alles verzehrendes, ehrliches, unerklärliches Gefühl. Wo wir keine Angst hatten, alles zu geben – denn genau das machte sie schön.











