Wahrscheinlich gibt es keinen Elternteil, der sich nach der Autismus-Diagnose seines Kindes nicht mindestens einmal gefragt hat: Warum? Während selbsternannte Experten oft populäre, aber wissenschaftlich unbelegte Theorien verbreiten, werden Autismus tatsächlich nicht durch Impfungen, verarbeitete Lebensmittel oder frühe Bildschirmzeiten verursacht.
Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist ein Entwicklungszustand mit sehr unterschiedlichen Symptomen: Sprach- und Kommunikationsschwierigkeiten, sich wiederholende Verhaltensweisen, Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Reizen – all das kann Teil des Autismus sein, denn neurologische Unterschiede zeigen sich bei jedem Betroffenen anders.
Die Frage nach den genauen Ursachen ist komplex, da viele Faktoren zusammenwirken. In einer aktuellen Analyse erklärt Psychiater Robert Klitzman, was wir heute über die Ursachen von Autismus wissen, was wir ausschließen können und woran wir künftig arbeiten sollten.
Genetische Faktoren: Neue Mutationen und Vererbung
Eine der wichtigsten, wissenschaftlich fundierten Erklärungen für Autismus ist die Rolle genetischer Varianten.
In vielen Fällen wird Autismus nicht „nur" durch die Gene der Eltern weitergegeben – es gibt sogenannte „de novo"-Mutationen, also genetische Veränderungen, die während der Embryonalentwicklung entstehen und in den Keimzellen der Eltern nicht vorhanden sind.
Nicht jede genetische Abweichung führt zu Autismus, aber solche Mutationen erhöhen die Wahrscheinlichkeit. Studien schätzen, dass bei rund 30 % der Autismusfälle neue genetische Varianten eine Rolle spielen.
Umweltfaktoren: Mütterliche Zustände und äußere Einflüsse
Neben genetischen Veränderungen beeinflussen auch verschiedene Umweltfaktoren, wer auf dem Spektrum landet. Gut dokumentiert ist etwa das Alter der Eltern – sowohl ein höheres Alter der Mutter als auch des Vaters bei der Zeugung kann das Risiko für Autismus erhöhen.
Mütterliche Erkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht während der Schwangerschaft zählen ebenfalls zu den Risikofaktoren. Infektionen in der Schwangerschaft, der Kontakt mit bestimmten Chemikalien (zum Beispiel Pestiziden) und andere Umweltgifte können die Gehirnentwicklung des Fötus beeinflussen.
In-vitro-Fertilisation (IVF) und besonders die ICSI-Methode (intrazytoplasmatische Spermieninjektion), bei der die Samenzelle direkt in die Eizelle eingebracht wird, könnten laut einigen Studien das Risiko für Autismus und geistige Behinderung leicht erhöhen – aber hier gibt es noch viele offene Fragen.
Was Autismus NICHT verursacht
Wichtig: Impfungen verursachen keinen Autismus. Diese Theorie ist ein lange widerlegter Mythos, der durch zahlreiche große, gut fundierte Studien entkräftet wurde. Die einzige Studie, die einen Zusammenhang behauptete, wurde später als fehlerhaft und manipulativ entlarvt.
Warum scheint es, als würden immer mehr Kinder mit Autismus geboren?
Die Zahl der Autismus-Diagnosen steigt weltweit – das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass es tatsächlich mehr Menschen im Spektrum gibt. Verschiedene Faktoren tragen dazu bei: Die Diagnosekriterien wurden erweitert, sodass mehr Verhaltens- und Fähigkeitsprofile zum Spektrum zählen.
Medizinisch-psychologische Untersuchungen und Screenings sind heute sensibler, sodass früher unerkannt gebliebene Fälle erfasst werden. Auch sozioökonomische und demografische Unterschiede spielen eine Rolle: In manchen Regionen oder Gemeinschaften werden weniger Diagnosen gestellt oder sie erfolgen später.
Was können wir tun? Behandlung, Unterstützung und gesellschaftlicher Wandel
Wir wissen also, dass Autismus viele Ursachen hat – genetisch, umweltbedingt, entwicklungsbedingt. Dieses Wissen ist nicht nur theoretisch wichtig, sondern hat praktische Bedeutung.
Frühe Erkennung und Intervention sind entscheidend: Je früher Autismus diagnostiziert wird, desto wirkungsvoller können Therapie und Förderung sein. Dabei geht es nicht darum, Autismus „zu heilen", denn es ist keine Krankheit, sondern ein Zustand.
Das Ziel ist nicht, dass Kinder und Erwachsene mit Autismus sich verändern, sondern dass sie die Unterstützung, Hilfe und Selbstkenntnis erhalten, die sie brauchen, um ein glückliches und ausgeglichenes Leben in einer Welt zu führen, die nicht für sie gemacht ist.
Dafür ist es auch wichtig, die Gesellschaft zu sensibilisieren, damit neurodivergente Menschen nicht ausgegrenzt werden, sondern passende Unterstützung, Bildung und Angebote erhalten.











