Guter Fang
Mein Vater sagt jedes Mal, wenn wir zusammen unterwegs sind und er ein hübsches Mädel am Einlass, an der Bar oder im Verkauf sieht: „Das ist mein Sohn, gutaussehend, oder? 28 Jahre alt und führt schon seine eigene Firma. Keine Freundin, aber eine schöne Wohnung und ein Auto!“
Der Künstler
In der Grundschule habe ich mal einen Malwettbewerb gewonnen, aber seit ich 14 bin, habe ich nicht mehr gezeichnet. Trotzdem hat mein Onkel letztes Jahr, als ich 32 war, auf einer Ausstellung einen Künstler angesprochen und erklärt, dass ich – als „preisgekrönter Künstler“ – auch gerne ausstellen würde.
Empörung
An der Uni lief eine meiner Arbeiten nicht gut. Meine Mutter hat daraufhin den Dekan angerufen und gefragt, wie man sich das vorstellen könne, wo ich doch so klug bin.

Arbeit
Meine Oma sucht immer über die letzte Seite einer Zeitung oder eines Magazins die Redaktion an und ruft an, um Arbeit für ihre Enkelin (mich) als Journalistin zu finden. Ich habe ihr schon hundertmal gesagt, dass ich einen Job bei einem Online-Magazin habe, aber mit über 85 versteht sie das Internet nicht wirklich. Weil sie meine Artikel nicht in Zeitungen sieht, glaubt sie bis heute, ich sei arbeitslos. Immerhin besser als bei einem Freund von mir, dessen Opa Arzt werden wollte und deshalb überall die Visitenkarten seines Enkels verteilt, damit man ihm eine Chance gibt. Mein Freund ist 33, IT-Experte und hat drei Kinder – und wollte nie im Gesundheitswesen arbeiten.
Etiketten
Als ich mit zwei Freundinnen zusammengezogen bin, hat meine Mutter in jedes Kleidungsstück meinen Namen eingenäht, damit die Wäsche nicht durcheinanderkommt. Als ich mit 19 schwanger wurde, gab sie meine Nummer an mehrere unfruchtbare Paare weiter, und ich musste regelmäßig Fremden erklären, dass ich mein Kind nicht zur Adoption freigebe.
Blumen und Tattoos
Meiner Tante gefällt meine Freundin nicht, weil sie ein Tattoo hat. Deshalb fragt sie bei jeder Frau, die ihr gefällt – meist mit Blumenmuster gekleidet – nach der Telefonnummer und versucht, sie zusammenzubringen. Meine Freundin lacht immer herzlich darüber.

Gutaussehende Jungs
Ich traue mich kaum noch, mit meiner Mutter irgendwo hinzugehen, weil sie so sehr versucht, mich zu verkuppeln, dass sie heimlich meine Nummer an jeden – ihrer Meinung nach – gutaussehenden Mann weitergibt, vor allem an die netten Kellner. Das ist super peinlich, und ich muss ständig unbekannte Nummern blockieren, aber ich kriege sie nicht davon weg.
Meine Schwester wollte meinen Lebenslauf, um ihren eigenen daran zu orientieren. Zwei Wochen später bekam ich eine E-Mail, dass meine Bewerbung leider nicht erfolgreich war. Wie sich herausstellte, hatte meine Mutter meine Schwester gebeten, sich in meinem Namen bei Google Budapest zu bewerben. Bei der Frage „Warum möchten Sie bei uns arbeiten?“ schrieb sie zum Beispiel: „Weil ich TECHNOLOGIE LIEBE!“ Ich kann mir vorstellen, was der Personalchef dachte, als er sah, dass ich mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss in Ostasiatischen Sprachen und Kulturen – Schwerpunkt Mongolisch – als Entwicklerin dort anfrage.
Rundum-Versorgung
Seit ich ausgezogen bin, schickt meine Mutter mir ständig Unmengen an Essen, weil sie denkt, ich würde hungern. Ich muss viel an die Nachbarn weitergeben, damit nichts schlecht wird. Wenn Mama zu Besuch kommt, nimmt sie manchmal heimlich meine Wäsche mit, um sie zu waschen, als hätte ich keine Waschmaschine. Das mag ich nicht, weil die Sachen oft wochenlang später zurückkommen – vermischt und/oder eingelaufen.
Die Lerche
In der ersten Klasse am Gymnasium war ich im Chor, und meine Eltern halten mich seitdem mindestens für Maria Callas. Auf der Hochzeit meiner Schwester haben sie die arme Band genervt, dass sie mich als Aushilfssängerin empfehlen könnten, weil ich eine wunderbare Stimme hätte. (Ich bin 28 und habe seit ich 15 bin keinen Ton mehr gesungen.)











