Meinungsartikel: Schuszter Borka
Ich habe eigentlich kein Problem mit Trinkgeld. Im Gegenteil: Lange fand ich es völlig selbstverständlich, bei gutem Service etwas draufzulegen. Keine großen Summen, nichts Verpflichtendes – eher eine kleine Geste.
In letzter Zeit hat sich aber etwas an dieser ganzen Sache verändert, und ich habe nicht das Gefühl, dass der Fehler bei mir liegt. Immer häufiger spüre ich, dass Trinkgeld keine Geste mehr ist, sondern eine Erwartung. Manchmal ist es sogar ein fast automatischer Teil des Bezahlvorgangs, über den ich gar nicht mehr wirklich frei entscheiden kann.
Dabei fällt mir immer wieder ein: In Deutschland – und in Europa allgemein – bekommen Servicekräfte ein Gehalt für ihre Arbeit. Das Trinkgeld ist nicht ihr Grundeinkommen, so wie etwa in den USA, wo das System historisch ganz anders aufgebaut ist. Dort ist Trinkgeld in vielen Fällen keine Ergänzung, sondern die Voraussetzung fürs Überleben.
Bei uns ist das im Prinzip nicht so. Und das finde ich grundsätzlich auch richtig. Arbeit muss der Arbeitgeber bezahlen – nicht der Gast sollte das System bei jedem einzelnen Besuch „aufstocken“ müssen.
Trinkgeld ist bei uns im Prinzip ein Extra. Eine „Wenn es sich gut anfühlt“-Kategorie.
Nur spiegelt das Erlebnis das immer weniger wider
An immer mehr Orten erlebe ich, dass im Moment des Bezahlens auf dem Terminal die Optionen für 10, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld aufblinken – während die Mitarbeitenden nicht einmal hinter der Theke hervorgekommen sind. Ich habe dort bestellt, dort mein Essen und Getränk abgeholt und es selbst zu meinem Tisch getragen. Und irgendwie ist genau das der Punkt, der mich zu stören begonnen hat.
Nicht, dass es die Möglichkeit gibt, Trinkgeld zu geben. Sondern dass ich zunehmend das Gefühl habe, aktiv Nein sagen zu müssen zu etwas, das ich eigentlich für freiwillig halte. Und dazu kommt: Die Preise steigen ständig. Ein einfaches Essen oder ein Kaffee ist heute schon für sich genommen ein größerer Posten als noch vor ein paar Jahren. Und in solchen Momenten wirkt Trinkgeld nicht wie eine kleine Geste, sondern wie eine weitere Schicht auf einer Summe, die man ohnehin schon zweimal überdenkt.
Ehrlich gesagt: Bei diesen Preisen habe ich nicht immer das Gefühl, dass noch zusätzliche 10 bis 15 Prozent drin sind.
Vielleicht ist das für viele kein sympathischer Gedanke. Aber die Realität ist: Auch auf der Konsumentenseite gibt es eine Grenze. Und wenn diese Grenze ständig weiter hinausgeschoben wird, passiert irgendwann Folgendes: Die Menschen gehen einfach seltener essen, kaufen sich seltener einen Kaffee für unterwegs und nehmen seltener Dienstleistungen in Anspruch.
Nicht, weil sie die Arbeit dahinter nicht schätzen. Sondern weil die Gesamtkosten einfach nicht mehr reinpassen. Und genau da widerspricht sich das System meiner Meinung nach langfristig selbst.
Die Gastronomie beruht auf einem sehr empfindlichen Gleichgewicht. Sie braucht Gäste, die wiederkommen. Sie braucht Personal, das die Arbeit macht. Und sie braucht eine Preisgestaltung, die beides miteinander verbinden kann. Wenn beim Gast aber ständig das Gefühl entsteht, dass jede Bezahlung eine neue „verpflichtende Entscheidungssituation“ ist, dann stärkt das dieses Gleichgewicht nicht unbedingt.
Ich persönlich habe kein Problem damit, wenn jemand Trinkgeld gibt. Und auch nicht damit, wenn jemand das gerne tut. Es ist völlig verständlich, wenn man nach einem schönen Erlebnis so seinen Dank ausdrücken möchte.
Was für mich eher eine Frage ist: Wo verläuft die Grenze zwischen freiwilliger Geste und gesellschaftlicher Erwartung? Und lohnt es sich wirklich, dem einmaligen Kunden jetzt noch eine weitere Schicht abzuknöpfen – oder ihm lieber jetzt etwas weniger abzunehmen, damit er nächste Woche wiederkommt?
Warum wird Trinkgeld immer öfter als Pflicht empfunden?
Weil viele Bezahlterminals inzwischen automatisch vorgegebene Trinkgeld-Optionen anzeigen. Dadurch muss man aktiv ablehnen, statt frei zu entscheiden – und genau das lässt es wie eine Erwartung wirken statt wie eine Geste.
Ist Trinkgeld in Europa dasselbe wie in den USA?
Nein. In Europa erhalten Servicekräfte in der Regel ein Gehalt für ihre Arbeit, Trinkgeld ist ein Extra. In den USA ist es historisch oft die eigentliche Grundlage des Einkommens.
Warum spielen die steigenden Preise dabei eine Rolle?
Weil ein Essen oder ein Kaffee heute schon für sich teurer ist als früher. Zusätzliche 10 bis 15 Prozent Trinkgeld wirken dann wie eine weitere Belastung auf einer ohnehin bereits überdachten Summe.
Kann eine hohe Trinkgeld-Erwartung der Gastronomie schaden?
Langfristig kann sie sich gegen die Branche wenden. Wenn Gäste das Gefühl haben, dass jede Zahlung eine verpflichtende Entscheidung ist, gehen sie seltener aus – und das gefährdet genau das Gleichgewicht, von dem die Gastronomie lebt.











