Ich gehöre zu der Generation, die reflexartig zum Handy greift, sobald sie auch nur eine Minute stillstehen muss. In der Schlange stehen, auf die Straßenbahn warten, beim Zahnarzt – sobald die Welt um mich herum langsamer wird, meldet sich automatisch der Drang: Schau aufs Display! Vielleicht kennst du das auch: Wenn ich mein Handy nicht scrollen kann, fühle ich mich an öffentlichen Orten regelrecht unwohl, wenn ich allein bin.
Lange Zeit dachte ich nicht darüber nach, dass das nicht nur Zeitvertreib ist, sondern auch ein Zeichen für ein tieferes Bedürfnis. Nach einer schweren Trennung, als ich mich bewusster um meine mentale Gesundheit kümmerte, fiel mir auf, wie unfähig ich war, einfach nur zu sein. Nicht zu arbeiten, nichts anzuschauen, nicht zu reden, keinen Podcast zu hören – einfach allein mit meinen Gedanken zu sein. Allein und still zu sein, war beängstigend. Gerade dieses Gefühl hat mir gezeigt, dass diese Unruhe keine schlechte Angewohnheit mehr ist, sondern eine Sucht. Nicht im übertragenen Sinne, sondern wirklich.
Hinter der Sucht steckt Dopamin
Dopamin ist das Glückshormon, das unser Gehirn ausschüttet, wenn etwas Neues passiert oder wir einen Reiz bekommen. Und genau das nutzt Social Media und der ständige Trubel aus. Ein neuer Kommentar, ein Like, eine Benachrichtigung – jeder kleine Dopaminschub. Je öfter wir das bekommen, desto mehr gewöhnen wir uns daran. Irgendwann langweilt sich unser Gehirn ohne Reiz und kann sich nur noch auf die nächste Dosis konzentrieren.
Es ist völlig normal, Dopamin zu suchen – aber wenn wir dafür keine Aufgabe beenden, nichts in unserer Umgebung wahrnehmen oder überhaupt etwas tun müssen, sondern nur auf einen Bildschirm starren, kann das ernste Folgen haben.
Wenn das Dopamin ausbleibt, fühlen wir uns gelangweilt. Wir warten darauf, dass etwas passiert. Und wenn wir dieses Warten nicht mit etwas anderem überdecken, tauchen die Gefühle auf, die wir eigentlich verdrängen wollten: Angst, Traurigkeit, Erinnerungen. Manchmal einfach nur unsere eigenen Gedanken, an die wir uns schon fast nicht mehr gewöhnt haben.

Bewusstes Nichtstun
Nach dieser Erkenntnis habe ich mir bewusst Zeit im Alltag genommen, um einfach nichts zu tun. Anfangs war das richtig schwer. Ich hatte fast Entzugserscheinungen: Unruhe, Ungeduld, das Gefühl, ich müsste mich beschäftigen. Aber ich habe durchgehalten. Und es hat sich gelohnt.
Mit der Zeit kamen alte Erinnerungen hoch. Ich habe meine Umgebung genauer wahrgenommen. Muster in den Fliesen entdeckt, Gesichter in der Praxis gesehen. Die Musik beim Blättern von Papieren an einem Schalter wahrgenommen. Einmal saß ich im Park und sah eine Schnecke Blätter fressen – so etwas hatte ich vorher nie beobachtet.
Das Wichtigste: Indem ich der Langeweile Raum gegeben habe – also den Reizen von außen und innen, aber nicht von einem Bildschirm oder Kopfhörer –, ist meine Kreativität explodiert. Ich habe nicht nur meine Gefühle besser verstanden und gelernt, sie bewusster zu steuern, sondern auch viel bessere Ideen fürs Schreiben und Gestalten bekommen.
Heute langweile ich mich bewusst, auch wenn ich es nicht wirklich so nennen würde. Es ist eher ein Warten. Ein stilles, nach innen und außen gerichtetes Beobachten, das mich wirklich im Moment ankommen lässt. Und ich erlebe viel spannendere Dinge, als es ein Handy-Display je könnte.











