Die Karte
In der Sandwichbude bediente ich einen offensichtlich geistig beeinträchtigten jungen Mann und seine Familie. Er bestellte sehr langsam und ich verstand ihn kaum, doch wir schafften es, sein Sandwich zuzubereiten, worüber er sich sehr freute. Es störte mich nicht, dass sich hinter ihm eine Schlange bildete. Nachdem sie bezahlt hatten und gegangen waren, kam die Mutter des Jungen mit Tränen in den Augen zurück und bedankte sich, dass ich ihren Sohn "wie einen Menschen behandelt" hätte. Sie erzählte, dass die Verkäufer meist nicht mal mit ihm sprechen, deshalb bedeutete ihr das sehr viel.
Der Anruf
Ich hatte mich mit meiner besten Freundin gestritten und zwei Jahre lang nicht gesprochen. Eines Abends hatte ich ein komisches Gefühl wegen ihr und rief sie an. Zuerst legte ich nach einem Klingeln auf, ließ das Telefon dann aber doch lange klingeln, bis sie endlich abnahm. Ich sagte ihr, dass ich weiß, dass wir uns hassen, aber ich wissen wollte, was los ist. Wir plauderten und wurden wieder Freunde. Zwei Jahre später erzählte sie mir, dass sie an dem Abend, als ich anrief, gerade Selbstmord begehen wollte und schon am Fenster stand, als das Telefon klingelte.
Der Koch
Unser grüner Koch wurde von den Kollegen gehänselt, obwohl er talentiert war, aber noch keine Erfahrung hatte. Ich nahm ihn unter meine Fittiche, denn er brauchte nur Ermutigung, um an sich zu glauben: Ich sagte ihm, er solle nicht auf sie hören, tief durchatmen, ich sei da und helfe, wenn es Probleme gibt. Bald wurde er richtig gut und wurde ein großartiger Sous-Chef. Jahre später trafen wir uns wieder und er sagte, ohne mich hätte er den Beruf aufgegeben. Jetzt bildet er Köche aus und gibt die Ermutigung, die er von mir bekam, weiter.
Die Dame
Ich arbeitete als Reinigungskraft in einem Altenheim und hatte eine Lieblingsdame, mit der ich viel sprach – sie hatte tolle Geschichten. Als ich endlich eine Arbeit im Ausland bekam, brachte ich ihr eine Praline mit und wir verabschiedeten uns mit Tränen. Einige Jahre später suchte mich ein Anwalt auf. Er sagte, die Dame habe mir eine kleine Wohnung vermacht, weil „sie zwar keine Kinder hatte, aber immer von einer Enkelin wie mir träumte.“
Der Bruder
Ich spielte in der Bläsergruppe der Schule, wo ein ziemlich eigenartiger Junge Trompete spielte, genau wie ich. Er war talentiert, brauchte aber etwas Hilfe, also zeigte ich ihm ein paar Tricks und lobte ihn immer. Im nächsten Jahr bemerkte mich der Oberstufenschüler, in den ich verliebt war, und wir kamen zusammen. Es stellte sich heraus, dass er der Halbbruder des eigenartigen Jungen war. Ich wusste das nicht, weil sie sich nicht ähnlich sahen und unterschiedliche Nachnamen hatten. Ich sagte zu meinem Freund, dass ich mit seinem Halbbruder Musik mache, und er antwortete: „Ja, ich weiß. Er erzählt viel von dir, weil du der Einzige bist, der nett zu ihm ist."

Das Training
Ich ging zum Ringertraining und dort war ein gehörloser Junge, den alle für geistig zurückgeblieben hielten, obwohl er klug war, nur nicht hören konnte. Eines Tages überraschte ich ihn, indem ich ein paar Gebärden lernte, damit wir wenigstens ein bisschen kommunizieren konnten. Am Ende des Jahres kam sein Vater zu mir, um sich zu bedanken, dass ich seinen Sohn als Menschen sehe. Mein Herz zog sich zusammen, denn ich hatte kaum Zeit in das Lernen der Zeichen investiert, aber er schätzte das sehr.
Das Zitat
Ich sagte meinem rechthaberischen, arroganten Kollegen, dass jemand, der alles weiß, sich selbst keinen Raum zur Entwicklung lässt. Einen Monat später kam er zu mir und sagte, diese Weisheit habe seine Denkweise komplett verändert und er wolle sich bedanken.
Das Mädchen
In der Schule wurden zum Valentinstag Herzen verteilt. Ich bekam eins und gab es dem ersten Mädchen, das mir begegnete. Sie war mollig, aber freundlich. Wir lächelten beide und gingen weiter, nichts Besonderes. Jahre später war sie zufällig meine Sachbearbeiterin, als ich meinen Führerschein verlängerte. Sie erzählte, dass sie damals so gehänselt wurde, dass sie jeden Abend weinte, aber das Herz, das ich ihr gegeben hatte, half ihr durch die schwerste Zeit.
Das ältere Paar
In einem Restaurant mussten wir auf einen Tisch warten, und ich war mit meiner Freundin an der Reihe, aber wir ließen ein älteres Paar vor. Sie bedankten sich sehr. Als wir gegessen hatten und zahlen wollten, sagte der Kellner, das ältere Paar habe schon für uns bezahlt.
Das Meeting
Die Firma stellte einen neuen Mitarbeiter ein, der in der Probezeit einige Anfängerfehler machte und deshalb entlassen wurde. Ich setzte mich für ihn ein, weil er gerade sein erstes Kind bekommen hatte, kaum schlief und den Job dringend brauchte. Außerdem spürte ich, dass er talentiert ist, nur etwas Zeit braucht. Man hörte nicht auf mich und trennte sich von ihm. Einen Monat später kündigte ich, gründete eine eigene Firma und stellte ihn ein. Das ist zehn Jahre her, ich bin inzwischen in Rente, und er führt die Firma als Mitinhaber. Es berührte mich sehr, als ich Pate seines zweiten Kindes wurde.
Titelbild: shapecharge/istockphoto.com











