Mit acht Jahren hatte ich ein geheimes Ritual. Jeden Sonntagabend, bevor meine Mutter zum Gutenachtsagen hereinkam, zählte ich: wie viele Minuten sie vorher im Zimmer meiner Schwester verbracht hatte – und wie viele bei mir.
Blieb sie länger bei ihr, schlief ich weinend ein. Blieb sie länger bei mir, fühlte ich mich wie eine Siegerin. Niemand wusste davon. Nicht einmal mir selbst gestand ich ein, dass das Eifersucht war. Ich wusste nur: Es fühlte sich lebenswichtig an.
Meine Schwester ist drei Jahre jünger als ich, und solange ich denken kann, war irgendwie immer sie die Empfindlichere, die Kränklichere, die Zerbrechlichere. Als kleines Kind war sie oft krank, sie hatte Asthma, hustete nachts, und meine Mutter saß dann stundenlang an ihrem Bett.
Ich lauschte in solchen Nächten an meiner Zimmertür und dachte: Wie gut sie es hat, dass sie so viel Aufmerksamkeit bekommt. Es kam mir kein einziges Mal in den Sinn, dass sie im Tausch dafür wohl gern auf die Luft in ihren Lungen verzichtet hätte – nur um einmal einfach so, ohne Grund, so viele Umarmungen zu bekommen wie ich.
Als Erwachsene dachte ich, dieses Kinderzählen sei längst vorbei
Und dann brachte an einem Osteressen, in der Küche meiner Mutter, eine winzige Sache alles ins Wanken. Meine Mutter gab meiner Schwester den alten Ring meiner Großmutter – jenen Ring, den ich mir seit Jahren insgeheim als meinen eigenen vorgestellt hatte.
Sie sagte nichts dazu. Sie legte ihn einfach neben den Teller meiner Schwester, so beiläufig, wie man jemandem eine Serviette hinlegt. Und ich stand da am Spülbecken, mit einem Topf Kartoffelpüree in den Händen, und spürte, wie mich etwas heiß überflutete. Am liebsten hätte ich es Wut genannt. Aber ich wusste: Es war eher Scham.
Am Abend, auf der Heimfahrt im Auto, fragte mich mein Mann, was los sei. Zuerst stritt ich alles ab. Dann brach plötzlich alles aus mir heraus – der Ring, das nächtliche Husten, das sonntägliche Zählen, alles, was ich dreißig Jahre lang mit mir herumgetragen hatte.
Er hörte nur zu. Dann sagte er einen einzigen Satz: „Meinst du, deine Schwester hat genauso gezählt?" Dieser Satz ließ mich in jener Nacht nicht mehr los.
Mir wurde klar, dass ich all die Jahre nicht mit meiner Schwester konkurriert hatte, sondern mit einem kleinen Mädchen, das nur ich im Spiegel sehen konnte.
Ein paar Wochen später rief ich sie an. Einfach so, ohne besonderen Anlass. Ich hatte kein großes Gespräch geplant, ich wollte ihr nur sagen, dass ich sie liebe. Stattdessen rutschte mir auch der Ring heraus.
Ich wartete darauf, dass sie beleidigt reagieren würde oder triumphierend auflachte. Doch sie verstummte. Und dann sagte sie leise, sie habe jahrelang geglaubt, mich würde man mehr lieben, weil ich diejenige war, um die man sich nie sorgen musste.
Sie dachte, meine Gesundheit, meine Ruhe seien der Beweis dafür, dass mit mir alles in Ordnung war – dass man in mich also nicht so viel Energie stecken musste, weil ich kein „Problem" war. Sie beneidete mich um genau diese Ruhe, so wie ich sie um ihr Krankenbett beneidet hatte.
Ich saß in der Küche, das Telefon ans Ohr gepresst, und wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Zwei Frauen, eine Mutter, zwei völlig gegensätzliche Filme über dieselbe Kindheit – und beide waren überzeugt, die andere hätte die Hauptrolle bekommen.
Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst, ist es vielleicht Zeit, ehrlich hinzuschauen: was Menschen in der Therapie über das Aufwachsen mit Geschwistern erzählen, klingt oft erschreckend vertraut.
Ein Happy End im klassischen Sinn wurde es nicht
Es ist nicht so, dass seither alles glatt zwischen uns läuft. Manchmal taucht immer noch dieses achtjährige Mädchen in mir auf, das zählt.
Zuletzt an Weihnachten, als meine Mutter dem Kind meiner Schwester mehr Geschenke gab als meinem – da brannte für einen Moment wieder das alte Gefühl in meiner Kehle.
Aber jetzt habe ich wenigstens einen Satz, den ich mir selbst sagen kann: Es geht nicht darum, dass ich weniger wert bin. Es geht darum, dass ein Sechsjähriger und ein neun Monate altes Baby eben unterschiedliche Geschenke bekommen.
Der Ring ist bis heute bei meiner Schwester. Manchmal, wenn ich sie besuche, sehe ich ihn an ihrer Hand, und noch immer läuft ein seltsamer Stich durch mich hindurch.
Ich weiß nicht, ob das je ganz vergeht – oder ob ich einfach lernen werde, damit zu leben. Wie mit einer alten Narbe, die sich manchmal spannt, wenn Regen aufzieht.
Warum entsteht Geschwisterrivalität überhaupt?
Oft glaubt jedes Kind, das andere werde mehr geliebt – meist wegen der unterschiedlichen Aufmerksamkeit, die Eltern je nach Situation verteilen. Wie in dieser Geschichte kann dasselbe Verhalten der Eltern von zwei Kindern völlig gegensätzlich gedeutet werden.
Kann eine solche Kindheitseifersucht bis ins Erwachsenenalter bleiben?
Ja. Wie die Autorin beschreibt, kann ein kleiner Auslöser – ein Ring, ungleich verteilte Geschenke – die alten Gefühle jederzeit wieder wachrufen, selbst Jahrzehnte später.
Hilft ein offenes Gespräch mit dem Geschwister?
Es löst nicht alles auf einen Schlag, aber es kann die Perspektive verändern. Erst das ehrliche Telefonat zeigte der Autorin, dass ihre Schwester sich all die Jahre genauso benachteiligt gefühlt hatte wie sie selbst.











