Wir saßen am Küchentisch. Meine jüngere Tochter machte ihre Hausaufgaben, die ältere stand am Spülbecken und zeigte mir den Rücken, als sie es sagte. Nicht weinend, nicht schreienend – eher mit dieser leisen, erschöpften Stimme, die verrät, dass jemand den Satz schon lange in sich getragen hat. „Mama, warum liebst du mich nicht so wie sie?" Ich sah sie nicht sofort an. Ich drehte meine Kaffeetasse in den Händen und hoffte irgendwie, dass die Frage sich in der Luft auflösen würde, wenn ich nur lange genug schwieg.
Sie löste sich nicht auf. Sie blieb in der Küche hängen – und von diesem Moment an schwebte sie über jedem Sonntagsessen, jedem Schulfoto, jeder noch so kleinen Entscheidung, wie ein Gewitter, das sich nicht entladen will.
Zwei verschiedene Kinder, zwei verschiedene Behandlungen
Meine beiden Töchter sind grundverschieden. Dieser einfache Satz wurde jahrelang meine Ausrede. Die ältere, Sophie, war schon mit vier Jahren wie ein kleiner Erwachsener: Sie räumte von sich aus auf, lernte früh lesen, musste nie ermahnt werden. Ihre kleine Schwester Lea war ein Wirbelwind – sie lebte jedes Gefühl mit vollem Körpereinsatz, und wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause kam, reagierte ich auf ihr Lärmen oft gereizt. Ich redete mir ein, das sei einfach ein Charakterunterschied, dass es mit dem einen Kind eben leichter ist als mit dem anderen.
Ich merkte nicht, dass ich dabei eine unsichtbare Waage baute – auf der Sophie immer leichter wog, und diese Leichtigkeit sich in meinem Kopf langsam in ein Maß für Liebe verwandelte.
Als Sophie an jenem Abend ihre Frage stellte, versuchte ich zunächst, mir selbst zu erklären, dass sie die Situation falsch einschätzte. Dann erinnerte ich mich an einen Moment einen Monat zuvor: Lea hatte ein Bild aus der Schule mitgebracht – einen grünköpfigen Hund mit sechs Beinen. Ich schaute zwei Sekunden drauf, legte es wieder auf den Kühlschrank, weil ich gerade telefonierte. Sophies Bilder hingegen hatte ich immer aufgehängt, eingerahmt, den Großmüttern gezeigt. Nicht weil ich sie mehr liebte, sondern weil ihre Bilder „schöner" waren, leichter zu loben. Erst da verstand ich: Ein Kind misst nicht die Qualität seiner Zeichnung, sondern wie viele Sekunden die Mutter sie wirklich ansieht.
Der Moment, in dem ich mir meine Voreingenommenheit eingestehen musste
Von Leas Frage an begann ich, meine Erinnerungen rückwärts abzuspielen wie einen Film, den ich nie wieder hatte sehen wollen. Die Geburtstagsfeiern, für die ich Sophie drei verschiedene Torten gebacken hatte, weil sie „so anspruchsvoll ist" – während Lea einmal mit einem Stück vom Supermarkt auskam, weil sie „damit glücklich ist". In meinem Kopf hatte sich das immer wie Gerechtigkeit angefühlt. In Wirklichkeit zeigte es nur, wem ich Energie schenkte – und wen ich leichter losließ.
Ich konnte nicht sofort antworten. Ich stand in der Küche und log: „Natürlich liebe ich euch beide gleich." Lea lachte kurz auf – nicht lustig, sondern mit dieser bitteren Gelassenheit, die Erwachsene haben, wenn sie einen falschen Satz zu oft gehört haben. Sie war zwölf Jahre alt. Zwölf, und sie wusste bereits, dass es einen Unterschied in der mütterlichen Aufmerksamkeit gab – sie wusste nur nicht, was sie mit dieser Erkenntnis anfangen sollte.
Meine eigene Kindheit steckte darin
Ich begann eine Therapie – nicht in erster Linie wegen der Mädchen, sondern weil ich selbst nicht verstand, woher meine Voreingenommenheit kam. In den Gesprächen mit meiner Psychologin wurde mir klar, dass ich in meiner eigenen Kindheit ebenfalls mit meiner Schwester verglichen worden war – und ich war das „schwierigere" Kind, das, das weniger Lob bekam. Ich hatte geglaubt, genau das vermieden zu haben. Stattdessen hatte ich es nur mit vertauschten Rollen wiederholt.
Ich weiß heute nicht mit Sicherheit, ob ich meine beiden Töchter gleich stark liebe. Vielleicht ist das auch eine unehrliche Erwartung, die wir uns selbst auferlegen – dass Liebe mit mathematischer Präzision gleichmäßig verteilt sein muss. Aber ich weiß, dass ich Leas Bedürfnis nach Aufmerksamkeit genauso ernst nehmen muss wie Sophies, auch wenn sie lauter danach verlangt, auch wenn es mich mehr Kraft kostet. Der Hund mit den sechs Beinen hängt jetzt am Kühlschrank – mit einem leicht eingerissenen Eck, weil Lea ihn so oft abgenommen hat, um Freunden zu zeigen, dass ihre Mutter ihn aufgehängt hat.
Ich weiß nicht, ob ich sie gleich liebe
Die Frage ist noch immer in mir, genau in dem Klang jenes Sonntagabends. Ich glaube nicht, dass ich sie je endgültig beantworten werde. Ich weiß nur: Seither halte ich inne, wenn ich merke, dass mein Blick zu lange bei einer Tochter verweilt und die andere übersieht – ich atme kurz durch, und gehe einen Schritt zurück.
Haben Eltern wirklich ein Lieblingskind?
Studien und viele Elternerfahrungen zeigen, dass unbewusste Bevorzugungen in Familien häufiger vorkommen, als wir zugeben möchten. Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind weniger geliebt wird – aber es kann bedeuten, dass es weniger gesehen wird. Und genau das spüren Kinder.
Was tun, wenn ein Kind fragt, ob man es weniger liebt?
Ehrlichkeit schlägt Reflexantworten. Statt sofort zu versichern „Ich liebe euch beide gleich", hilft es, innezuhalten und zu fragen: „Was lässt dich das denken?" So öffnet sich ein echtes Gespräch, anstatt das Gefühl des Kindes zu übergehen.
Kann Therapie wirklich helfen, solche Muster zu durchbrechen?
Ja – gerade wenn unbewusste Muster aus der eigenen Kindheit stammen. Therapeutische Arbeit hilft dabei, den Ursprung von Voreingenommenheiten zu erkennen und konkrete Veränderungen im Alltag anzustoßen, wie die Autorin in ihrem eigenen Prozess erfahren hat.
Ist es normal, dass Geschwister so unterschiedlich behandelt werden?
Es ist häufig – aber es ist nicht harmlos. Kinder registrieren feine Unterschiede in Aufmerksamkeit, Lob und Zuwendung sehr genau. Bewusstsein und die Bereitschaft zur Selbstreflexion sind der erste Schritt, um gegenzusteuern.











