Es ist so tröstlich zu glauben, dass die Welt gerecht ist – dass unsere Güte eine Art unsichtbare Schutzpolice gegen das Schicksal darstellt. Dass wir, solange wir das Richtige tun und mit einem offenen Herzen leben, irgendwie verschont bleiben. Doch was passiert, wenn die Realität diese Illusion gnadenlos zerstört?
Als das Karma seinen Fahrplan verfehlte
Vor einiger Zeit trat ich einer wunderbaren Gemeinschaft bei. Schon beim ersten Treffen fiel mir jemand auf – eine Frau, die eine natürliche Wärme ausstrahlte und immer als Erste zur Stelle war, wenn jemand Hilfe brauchte. Der Typ Mensch, bei dem man sich instinktiv denkt: Ihr kann doch nur Gutes passieren.
Dann kam die Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Das Haus dieser Frau war innerhalb weniger Minuten vollständig niedergebrannt. Das Werk eines ganzen Lebens – in Asche. Ich stand da mit dieser Nachricht, und plötzlich begann alles in mir zu wanken.
Ich lebe gern nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Ich vertraue darauf, dass positive Energie zurückkommt. Und ja, in meinem Leben überwiegt das Licht – aber Schwierigkeiten bleiben auch mir nicht erspart. Wenn mich etwas Schlechtes trifft, frage ich mich unweigerlich: Was habe ich falsch gemacht? Was müsste ich ändern, damit mir das nicht wieder passiert?
Solche sinnlosen Verluste erschüttern mich jedes Mal von Grund auf – selbst wenn ich weiß, dass niemand wirklich immun gegen die Unberechenbarkeit des Lebens ist.
Wir leben in den Geschichten, die wir uns erzählen
Wenn wir uns am verletzlichsten fühlen, klammern wir uns an den Gedanken, dass es eine kosmische Ordnung gibt – eine höhere Logik, die alles zu unserem Besten lenkt. Das ist ein natürlicher Schutzmechanismus. Unser Gehirn erträgt pure Zufälligkeit nur schwer.
Wir sind Geschichtenerzähler. Wir brauchen Logik, Moral und ein Ende, in dem das Böse bestraft und das Gute belohnt wird.
Auch ich ertappe mich dabei: Wenn etwas Unerwartetes und Schmerzhaftes passiert, beginne ich sofort, in meiner Vergangenheit zu graben. Habe ich etwas getan, womit ich das verdient habe? Ist das vielleicht eine Lektion, die ich lernen soll?
Selbst Schuldgefühle sind leichter zu ertragen als die Erkenntnis, dass Dinge manchmal einfach so geschehen – ohne Grund, ohne Botschaft. Denn das würde bedeuten: Wir haben keine Kontrolle darüber, was uns widerfährt.
Dieses Denken ist ein zweischneidiges Schwert. Manchmal tröstet es, gibt dem Chaos einen Sinn. Doch wenn die Antworten ausbleiben, kann es uns in einen Strudel aus Selbstvorwürfen und dem Gefühl des Verlassenseins ziehen. Die Suche nach Bedeutung ist oft nur ein Schutzschild gegen die Unvorhersehbarkeit der Welt – und auf die Frage „Warum gerade ich?" antworten meistens keine höheren Mächte, sondern schlicht die gleichgültigen Gesetze der Natur.
Die überraschende Freiheit des Zufalls
So beängstigend es zunächst klingt – es liegt etwas zutiefst Befreiendes in der Erkenntnis, dass das Universum keine Absichten gegen uns hegt.
Schlechte Dinge passieren nicht, weil wir schlecht sind. Sie passieren aus demselben Grund wie gute Dinge: weil die physischen und biologischen Prozesse dieser Welt ihren eigenen Lauf nehmen.
Wenn wir akzeptieren, dass das Schicksal kein strafendes Gericht ist, befreien wir uns von lähmender Selbstkritik. Diese Erkenntnis nimmt uns nichts – sie stärkt uns. Denn sie erinnert uns daran, dass Sinn und Zweck keine fertigen Geschenke des Himmels sind. Wir erschaffen sie selbst – durch unsere Entscheidungen, unsere Haltung, unser Handeln.
Wir können füreinander das Licht in der Dunkelheit sein
Ich habe mich damit abgefunden, dass unsere Güte allein kein Schutzschild gegen das Schicksal ist. Und doch springt mein lösungsorientiertes Ich sofort an, wenn etwas schiefläuft – ich suche nach Ursachen, nach Logik im Chaos, weil mir das ein Gefühl von Sicherheit gibt.
Doch irgendwann wurde mir klar: Schlechte Dinge machen keine Unterschiede. Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, wen der Sturm trifft – sondern darin, wer neben uns steht, wenn er kommt.
Auch gute Menschen erleben Tragödien. Aber ihre innere Stärke und die Gemeinschaft, die sich um sie schart, lässt die Situation vielleicht weniger unausweichlich erscheinen.
Ich erinnere mich, als ich selbst krank war und wochenlang kaum aus dem Bett kam – meine Familie war mein Halt. Sie nahmen mir jede Last ab und blieben an meiner Seite, bis ich wieder auf den Beinen war. Genau dasselbe erlebte ich jetzt. Für die Frau, deren Haus abgebrannt war, wurde sofort eine Spendenaktion gestartet. Bekannte mobilisierten sich wie ein einziger Organismus: Einer organisierte einen Statiker, eine andere kümmerte sich um eine Unterkunft.
Der Schmerz wird dadurch nicht ausgelöscht. Aber solche Momente helfen mir zu glauben, dass schwere Zeiten uns letztlich stärken – uns selbst, unsere Familien und unsere Gemeinschaften. Und wenn wir akzeptieren, dass das Leben unberechenbar ist, werden wir paradoxerweise mutiger – weil wir aufhören, Energie damit zu verschwenden, das Unabwendbare verhindern zu wollen, und anfangen, uns auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: füreinander da zu sein.











