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Alles läuft überall – und wir sehen nichts: Wie aus Streaming wieder ein richtiger Abend wird

Elizabeth Szabo4 Min. Lesezeit
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Alles läuft überall – und wir sehen nichts: Wie aus Streaming wieder ein richtiger Abend wird — Unterhaltung
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Es ist halb neun, die Küche ist aufgeräumt, die Decke liegt bereit. Und dann passiert das, was in vielen Wohnzimmern passiert: Vierzig Minuten Scrollen, drei angerissene Trailer, ein halbherziges „Lass uns morgen was Richtiges gucken" – und am Ende läuft zum sechsten Mal dieselbe Serie, die wir auswendig kennen. Dass gerade wieder über große Lizenzverschiebungen zwischen den Streamingdiensten gesprochen wird, ändert daran erstaunlich wenig. Mehr Auswahl war nie die Lösung. Sie war immer das Problem.

Warum uns die Auswahl müde macht

Ein Abend vor dem Fernseher sollte eine Pause vom Entscheiden sein. Stattdessen ist er zu einem weiteren Entscheidungsvorgang geworden, und zwar zu einem mit besonders fiesen Spielregeln: Die Optionen sind beinahe unendlich, jede einzelne ist nur eine Kachel groß, und die Belohnung für die beste Wahl ist vage. Kein Wunder, dass wir lieber das Bekannte nehmen – das Bekannte verlangt nichts.

Dazu kommt, dass die Dienste selbst ständig umsortieren. Titel wandern, verschwinden, tauchen woanders auf. Wer sich daran gewöhnt hat, dass alles jederzeit verfügbar ist, verliert das alte Gefühl, dass ein Film ein kleines Ereignis sein kann. Genau dieses Gefühl kann man sich zurückholen – nicht, indem man weniger streamt, sondern indem man dem Abend wieder eine Form gibt.

Die Abo-Inventur: zwanzig Minuten, einmal im Herbst

Setz dich mit dem Kontoauszug oder der Übersicht deiner App-Abos hin und schreib auf, was du tatsächlich zahlst. Danach eine einzige ehrliche Frage pro Dienst: Was habe ich dort in den letzten vier Wochen zu Ende geschaut? Nicht angefangen – zu Ende. Alles, was diese Frage nicht besteht, kommt auf die Pausenliste.

Statt alles gleichzeitig laufen zu lassen, bewährt sich das Rotationsprinzip: ein, maximal zwei Dienste gleichzeitig, und zwar immer der, auf dem gerade etwas läuft, das ihr wirklich sehen wollt. Ein Monat Anbieter A, dann kündigen, ein Monat Anbieter B. Das klingt nach Aufwand, dauert aber weniger lang als ein einziger Scroll-Abend – und hat einen angenehmen Nebeneffekt: Weil ein Dienst nur begrenzt da ist, schaut man endlich die Sachen, die man sich seit zwei Jahren vornimmt.

Drei Regeln, die den Abend retten

Erstens: die Watchlist vorher füllen, nicht während. Wenn dir tagsüber jemand einen Film empfiehlt, setz ihn sofort auf die Liste. Abends wird dann nur noch aus der Liste gewählt, nicht aus dem gesamten Katalog. Zweitens: die Zwei-Minuten-Regel. Wer entscheidet, wechselt – heute du, morgen er, am Wochenende das Kind. Die anderen dürfen meckern, aber nicht blockieren. Drittens: die Fünfzehn-Minuten-Gnadenfrist. Was nach einer Viertelstunde nichts mit euch macht, darf abgebrochen werden, ohne dass der Abend gescheitert ist. Dann kommt Plan B von der Liste.

Und dann ist da noch der Rahmen, der den Unterschied macht zwischen „nebenbei laufen lassen" und „Abend": Licht runter, Handy in die andere Ecke des Zimmers, etwas zu trinken in einem schönen Glas, vielleicht eine Schüssel warme Nüsse oder ein Stück Schokolade. Es ist erstaunlich, wie viel ernster man einen Film nimmt, wenn man sich fünf Minuten lang vorbereitet hat.

Wie viele Streaming-Abos sind eigentlich sinnvoll?

Eine allgemeingültige Zahl gibt es nicht, aber eine brauchbare Faustregel: so viele, wie du in einem normalen Monat tatsächlich nutzt – bei den meisten Haushalten sind das ein bis zwei. Wenn du beim Durchgehen deiner Abos bei einem länger überlegen musst, wofür er eigentlich da ist, ist die Antwort meistens schon gefallen. Pausieren kostet nichts außer einem Klick, und zurück kann man jederzeit.

Was tun, wenn wir uns nie auf einen Film einigen können?

Dann liegt es selten am Geschmack, sondern am Verfahren: Zwei Menschen, die gleichzeitig suchen, finden fast nie etwas. Besser ist, dass eine Person für den Abend die Verantwortung übernimmt und zwei Vorschläge mitbringt, aus denen die andere wählt – kurze Liste statt offenes Feld. Wer das ein paar Wochen durchhält, merkt, dass die Abende nicht nur schneller starten, sondern auch die Filme vielfältiger werden, weil man regelmäßig etwas sieht, das man selbst nie ausgesucht hätte.

Über die Autorin

Elizabeth Szabo

Elizabeth Szabó schreibt an der Schnittstelle von Tierkreis, Beziehungen und Alltagskultur — das, worüber man beim Brunch lästert und dann heimlich im Bus googelt. Ihre Texte sind warm, ein bisschen eigensinnig und enden immer mit etwas, das man wirklich mitnehmen kann.

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