Er steht um halb zwölf auf, murmelt etwas beim Mittagessen und verschwindet wieder. Auf die Frage, was er eigentlich nach der Schule machen möchte, kommt ein Schulterzucken. Viele Eltern beschreiben diese Phase mit einer Mischung aus Sorge und leiser Wut: Man sieht ein Kind, das Fähigkeiten hat, und gleichzeitig eine Wand, gegen die jeder Vorschlag prallt. Fast reflexhaft greift man dann zu mehr Druck, mehr Fragen, mehr Vorschlägen. Und fast immer wird es dadurch schlechter.
Antriebslosigkeit ist selten Faulheit
In der Pubertät baut das Gehirn um. Gleichzeitig läuft im Außen sehr viel gleichzeitig: Schulnoten, die über Wege entscheiden, Freundschaften, die sich verschieben, der ständige Vergleich mit anderen auf dem Handy, ein diffuses Gefühl, dass man sich jetzt schon festlegen soll. Wer mit all dem überfordert ist, wirkt nach außen oft nicht aufgeregt, sondern leer. Rückzug ist eine Form der Selbstregulation – unangenehm anzusehen, aber nicht automatisch ein Alarmzeichen.
Dazu kommt ein Denkfehler, den Erwachsene gern machen: Wir verwechseln „keine Ziele“ mit „keine Interessen“. Ein Jugendlicher, der stundenlang Videos über ein Spiel schaut, Playlists kuratiert oder sich in Memes vergräbt, hat durchaus Interessen – sie passen nur nicht in die Kategorien, die auf einem Lebenslauf gut aussehen. Wer das ernst nimmt, findet eher einen Gesprächseinstieg als mit der Frage nach dem Berufswunsch.
Gespräche, die nicht nach Verhör klingen
Das beste Setting für ein Gespräch mit Teenagern ist Schulter an Schulter, nicht Auge in Auge: im Auto, beim Spülen, beim Hund ausführen, abends im abgedunkelten Zimmer. Kein Blickkontakt, keine Dringlichkeit, jederzeit Abbruchmöglichkeit. Stelle möglichst Fragen, die nicht nach Bewertung riechen: Was war heute das Anstrengendste? Was würdest du abschaffen, wenn du dürftest? Was macht gerade jemand aus deiner Klasse, das du komisch findest?
Und dann das Schwierigste: aushalten, dass die Antwort „keine Ahnung“ lautet, und nicht sofort nachbohren. Wer dreimal „keine Ahnung“ stehen lässt, bekommt beim vierten Mal oft einen echten Satz. Hilfreich ist auch, eigene Unsicherheiten zu teilen – nicht als Lehrstück, sondern als Nebensatz: dass man mit achtzehn selbst keinen Plan hatte, dass man einen Weg abgebrochen hat, dass auch heute noch nicht alles klar ist.
Statt Motivation: Struktur und kleine Zuständigkeiten
Motivation lässt sich nicht von außen einfüllen. Was Eltern aber geben können, ist Struktur, an der sich der Tag festhält: gemeinsame Mahlzeiten zu festen Zeiten, eine ungefähre Nachtruhe, ein Wochentag, an dem man zusammen etwas tut. Dazu kleine, echte Zuständigkeiten im Haushalt – Wäsche, Einkauf, Essen für alle kochen. Nicht als Strafe, sondern weil das Gefühl, gebraucht zu werden und etwas zu können, mehr trägt als jeder Vortrag über Zukunft.
Genauso wichtig: die eigenen Erwartungen kurz prüfen. Manche Jugendliche sind nicht antriebslos, sondern erschöpft von einem Pensum, das wir normal finden. Und manchmal steckt hinter unserer Sorge auch unsere eigene Angst vor den Blicken anderer. Das zu trennen, entspannt die Lage oft spürbar.
Woran erkenne ich, ob es mehr als eine Phase ist?
Aufmerksam werden solltest du, wenn der Rückzug über Wochen anhält und sich auf alle Bereiche ausdehnt: kein Kontakt mehr zu Freundinnen und Freunden, Schule wird gemieden, Schlaf und Appetit verändern sich stark, frühere Interessen verschwinden vollständig, dazu Äußerungen von Hoffnungslosigkeit oder Selbstabwertung. In solchen Fällen ist es kein Übertreiben, sondern Fürsorge, sich Unterstützung zu holen – bei der Kinder- und Jugendärztin, der Schulsozialarbeit, einer Erziehungsberatungsstelle oder einer psychotherapeutischen Praxis. Bei Hinweisen auf Selbstgefährdung gilt: sofort professionelle Hilfe suchen.
Was sage ich, wenn mein Kind nur „keine Ahnung“ antwortet?
Am besten etwas, das keinen Druck macht und die Tür offen lässt, zum Beispiel: „Okay. Musst du auch nicht wissen. Wenn du mal laut denken willst, bin ich da.“ Dieser Satz wirkt nach – oft erst Tage später, wenn das Kind von sich aus in die Küche kommt. Wichtig ist, dass er ohne Seufzer und ohne Nachsatz kommt, sonst hört dein Teenager nur die Enttäuschung und nicht das Angebot.











