Meinungsartikel: Schuszter Borka
Wenn jemand erfährt, dass wir verlobt sind, kommt fast immer dieselbe Frageserie: Seit wann kennt ihr euch? Seit wann seid ihr ein Paar? Und seit wann wohnt ihr zusammen? Sobald ich dann antworte, dass wir noch nicht zusammengezogen sind, sehe ich diese kurze Irritation im Gesicht. Als wüssten die Leute plötzlich nicht mehr, wo sie unsere Beziehung einordnen sollen.
Dabei fragen die meisten gar nicht aus Bosheit. Sie sind es einfach gewohnt, dass Beziehungen einer festen Reihenfolge folgen: erst Dates, dann Zusammenziehen, ein paar Jahre gemeinsames Leben, Verlobung, Hochzeit.
Diese Reihenfolge haben wir irgendwo unterwegs losgelassen
Damit mich niemand falsch versteht: Auch ich halte es nicht für eine gute Idee, dass zwei Menschen erst nach der Hochzeit ihr gemeinsames Leben beginnen. Der Spruch, dass man sich erst richtig kennenlernt, wenn man zusammenlebt, hat für mich viel Wahres.
Eine Beziehung zeigt eine ganz andere Seite, wenn man sich nicht nur ein paar schöne Stunden lang von der besten Seite präsentiert, sondern sich auch montagmorgens um halb sieben begegnet – wenn die Milch alle ist, im Bad noch das Licht brennt und schon wieder jemand vergessen hat, den Müll rauszubringen. Das sind wichtige Erfahrungen.
Nur ist unsere Situation nicht die, dass wir getrennt leben und irgendwann plötzlich zusammenziehen. In Wahrheit verbringen wir fast jeden Abend gemeinsam. Wir essen zusammen zu Abend, schlafen zusammen ein, trinken morgens gemeinsam Kaffee. Wer uns von außen beobachten würde, würde vermutlich sagen: Die beiden leben zusammen. Nur eben in zwei Wohnungen.
Jeder von uns hat sein eigenes Zuhause, und irgendwie hatte bisher keiner von uns das Gefühl, das aufgeben zu müssen.
Ich liebe es, dass ich in meiner eigenen Wohnung alles so umgestalten kann, wie es mir gefällt. Als ich beschloss, das Badezimmer rosa zu streichen, musste ich mich mit niemandem abstimmen. Kein Kompromiss, kein Überzeugen, dass es am Ende schon gut aussehen wird.
Er liebt es genauso, dass sein Computer-Setup die halbe Wohnzimmerecke einnehmen darf, ohne dass ihn jemand jedes Mal missbilligend anschaut, wenn ein neuer Monitor dazukommt. Jeder von uns hat einen eigenen Raum behalten, der nur uns gehört. Und trotzdem haben wir ein gemeinsames Leben.
Es ist ein bisschen so, als hätten wir zwei Basislager
Wenn wir abends ins Theater gehen, fahren wir manchmal zu der einen Wohnung, manchmal zur anderen – je nachdem, welche gerade auf dem Weg liegt oder von wo aus es am nächsten Morgen einfacher zur Arbeit geht. Und manchmal beschließen wir einfach, dass heute jeder in seinem eigenen Zuhause schläft. Nicht weil wir gestritten haben, sondern weil ein Abend gut tut, an dem jeder in seinem eigenen Rhythmus existiert.
Manchmal zockt er bis in die Morgenstunden. Und ich lese im Bett ein Buch, ohne dass die eingeschaltete Leselampe irgendjemanden stört.
Natürlich hat diese Lebensform auch ihre nervigen Seiten. Man kann erstaunlich viel Zeit damit verbringen, sich zu erinnern, in welcher Wohnung man genau das Oberteil liegen gelassen hat, das man am Morgen bräuchte. Die Laptops, Notizbücher und Ladekabel, die wir für die Arbeit unbedingt brauchen, schleppen wir praktisch permanent mit uns herum. Manchmal fühlt es sich an, als wären wir in einem Dauerumzug. Trotzdem würde ich es gegen nichts eintauschen.
Vor Kurzem haben wir uns verlobt, und natürlich kam sofort die Frage auf, wann wir denn nun endlich zusammenziehen. Es würde ja logisch klingen. Als brächte der Verlobungsring automatisch auch den Schlüssel für die gemeinsame Wohnung mit. Aber für uns fühlt sich das derzeit überhaupt nicht dringend an. Manchmal ertappe ich mich sogar bei dem Gedanken, dass durchaus auch das passieren könnte: dass wir eher Mann und Frau sind, als dass eine gemeinsame Adresse in unseren Papieren steht.
Ich weiß, dass das für viele seltsam klingt
Vor ein paar Jahren hätte es das auch für mich getan. Denn wir glauben gern, dass gut funktionierende Beziehungen einem vorgeschriebenen Drehbuch folgen. Wenn jemand davon abweicht, kommt sofort die Frage: Warum eigentlich? Dabei gibt es manchmal gar keine außergewöhnliche Erklärung. Wir haben einfach ein System gefunden, das funktioniert.
Vielleicht ändert sich das in ein paar Jahren. Vielleicht haben wir irgendwann ein gemeinsames Zuhause und lachen dann darüber, dass wir unsere Zahnbürsten mal an zwei Orten aufbewahrt haben. Aber ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass wir noch eine Weile so bleiben. Denn für uns funktioniert es. Für andere ist es vielleicht seltsam – aber es ist ja nicht ihre Beziehung. Warum sollten wir dann auf sie hören statt auf uns selbst?
Kann eine Beziehung funktionieren, wenn man verlobt ist, aber getrennt wohnt?
Ja. Für die Autorin funktioniert genau dieses Modell: Sie verbringen fast jeden Abend zusammen, behalten aber jeweils ihr eigenes Zuhause. Entscheidend ist, dass das System für beide Partner stimmig ist.
Warum ziehen manche Paare nach der Verlobung nicht zusammen?
Weil es sich für sie nicht dringend anfühlt. Beide schätzen ihren eigenen Raum, den sie frei gestalten können, und haben trotzdem ein gemeinsames Leben – nur eben in zwei Wohnungen.
Welche Nachteile hat das Getrenntwohnen als Paar?
Man verliert leicht den Überblick, in welcher Wohnung welche Sachen liegen, und schleppt Laptops, Notizbücher und Ladekabel ständig mit sich herum. Manchmal fühlt es sich an wie ein Dauerumzug.
Ersetzt Getrenntwohnen die Erfahrung des Zusammenlebens?
Im Fall der Autorin nicht wirklich, denn sie erleben trotz zweier Wohnungen den gemeinsamen Alltag – vom Abendessen bis zum Morgenkaffee. Sie halten es sogar für möglich, eher zu heiraten, als eine gemeinsame Adresse zu haben.











