Meinungsartikel – Schuszter Borka
Früher war für mich jede Spannung in der Beziehung ein Notfall. Kaum entstand zwischen uns ein Konflikt, wollte ich ihn sofort lösen. Meine Angst-Rezeptoren sprangen an und verlangten nach einer sofortigen Antwort.
In meinem Kopf war ein Streit nie ein natürliches Auf und Ab zwischen zwei Menschen, sondern eine Gefahrensituation, die dringend beseitigt werden musste.
Und genau so habe ich auch reagiert
Die Angst schaltete sich ein, und mit ihr die Panik – und schon übernahmen meine Emotionen das Ruder. In solchen Momenten gab es keine Geduld, keinen Abstand, keine Perspektive. Nur das Gefühl: Das muss jetzt sofort ausgesprochen werden, sonst passiert etwas Schlimmes.
Das Problem war nur: In diesem Zustand entstand selten ein gutes Gespräch.
Stattdessen kamen schnelle, angespannte Sätze, Missverständnisse, Rechtfertigungen – und Worte, die keiner von uns wirklich zu Ende gedacht hatte.
Und oft wurde am Ende gar nicht das ursprüngliche Problem gelöst. Es kam einfach eine weitere Schicht obendrauf: Aus einem etwas gereizten Satz, den man in den meisten Fällen mit einer kurzen Entschuldigung und einer Umarmung aus der Welt schaffen kann, wurden unnötige Kränkungen und verbale Seitenhiebe.
Ich will damit nicht sagen, dass sofortiges Klären nie hilft. Nicht jeder Konflikt verträgt Aufschub, und manchmal verhindert ein schnelles Gespräch ein größeres Missverständnis.
Aber in den letzten Jahren haben wir langsam etwas begriffen: In vielen Situationen ist die beste Kommunikationstechnik die, gar nicht sofort kommunizieren zu wollen.
Kennst du das, wenn dein Partner dich mit irgendetwas so richtig auf die Palme bringt und du im Nebenzimmer wütend die Pflanzen gießt, während du zwischen den Zähnen Beleidigungen vor dich hin murmelst? Seien wir ehrlich: Das kommt bei uns allen mal vor. Aber es ist besser, diese Sätze – die wir oft selbst nicht ernst meinen – der Zimmerpflanze zu sagen und nicht dem Partner ins Gesicht.
Genau deshalb habe ich angefangen, mir diesen Reflex bewusst „abzugewöhnen"
Nicht wörtlich, aber in der Praxis schon. Wenn ich merke, dass ich zu aufgeheizt bin und nur noch die Wut aus mir spricht, ziehe ich mich lieber aus der Situation zurück.
Manchmal gehe ich selbst aus dem Zimmer. Manchmal bitte ich meinen Partner, eine Runde spazieren zu gehen. Nicht als Strafe, nicht passiv-aggressiv, sondern einfach, damit sich unser beider Nervensystem wieder beruhigen kann.
Fünfzehn Minuten. Manchmal reicht das schon, damit die erste Welle abklingt, wir überlegen können, was wir eigentlich sagen wollen, und nicht aus dem Affekt heraus reden – sondern mit dem Ziel, uns verständlich zu machen und auch den anderen zu verstehen.
Wenn wir dann zum Gespräch zurückkehren, kommen ganz andere Worte. Nicht aus der Defensive, nicht aus dem Angriff. Wir reden, weil wir beide Zeit hatten, uns zu überlegen, was wir sagen wollen und wie.
Aus einem falsch verstandenen Halbsatz oder einer in einem müden Moment fallengelassenen Kritik findet man so viel leichter wieder zurück. Weil eben nicht mehr der erste Zorn spricht. Und dieser Unterschied verändert alles.
Früher wurde aus einer Sache, die in fünf Minuten geklärt gewesen wäre, ein unnötig langer Streit – nur weil wir im Eifer des Gefechts noch vier Dinge hinterhergeschoben haben, die keiner von uns ernst meinte. Aber wenn sie erst einmal im Raum standen, konnte man sie nicht mehr zurücknehmen. Heute lassen wir diese erste Welle viel seltener außer Kontrolle geraten.
Natürlich musste ich dafür erst lernen, bei mir selbst zu erkennen, wann ich nicht in der Verfassung bin zu reden. Und ich musste glauben lernen: Mein Partner ist auch in 15 Minuten noch da – und wird bereit sein, mir zuzuhören.
Warum hilft es, einen Streit nicht sofort zu klären?
Weil im aufgeheizten Zustand selten ein gutes Gespräch entsteht. Eine kurze Pause lässt die erste Welle der Wut abklingen, sodass man wieder überlegt und nicht aus dem Affekt heraus reden kann.
Bedeutet eine Pause, dass man dem Konflikt ausweicht?
Nein. Es geht nicht darum, das Gespräch zu vermeiden oder passiv-aggressiv zu schweigen, sondern darum, dem Nervensystem beider Partner Zeit zur Beruhigung zu geben – um danach ruhiger zu reden.
Sollte man jeden Streit aufschieben?
Nein. Nicht jeder Konflikt verträgt Aufschub, und manchmal verhindert ein schnelles Gespräch ein größeres Missverständnis. Es geht um die Situationen, in denen nur die Wut spricht.
Wie lange sollte so eine Pause dauern?
Oft reichen schon fünfzehn Minuten, damit die erste Welle abklingt und man wieder mit dem Ziel spricht, sich verständlich zu machen und den anderen zu verstehen.











