Bei einer therapeutischen Gruppensitzung wurde mir klar: Zu einer meiner Freundinnen hatte ich keine einfache Freundschaft, sondern eine unbewusst wirkende Traumabindung.
Das klingt vielleicht erstmal ungewöhnlich, denn die meisten verbinden Traumabindungen mit Partnerschaften, mit missbräuchlichen Liebesgeschichten oder Dramen, in denen Leidenschaft und Schmerz zugleich präsent sind. Doch die Realität ist vielschichtiger. Ich entdeckte dieses Muster in meiner Verbindung zu meiner Freundin – ein Muster, das ich schon als Kind kannte. Es war das Bedürfnis, es allen recht zu machen, und dass ich meine eigenen Bedürfnisse nur vorsichtig und verpackt äußern konnte, als müsste ich schon vorher damit rechnen, dass ich schlecht dastehe.
Wenn du erwachsen wirst, verändert sich auch die Dynamik
Über 20 Jahre lief diese Beziehung und die dahinterliegende Dynamik unbemerkt weiter. Alte Muster bestimmten das Geschehen: Ich zog mich zurück, stimmte ihr zu, vermied Konfrontationen und achtete genau darauf, was und wie ich etwas sagte, um sie nicht zu verletzen.
Doch irgendwann begann ich, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und mich intensiver mit Selbstreflexion zu beschäftigen. Sie unterstützte das nur zeitweise – verständlich, denn unbewusst spürte sie, dass sich dadurch auch unsere Beziehung veränderte. Mit den Jahren wurde es immer öfter so, dass ich keine Angst mehr hatte, meine Meinung zu sagen, und nicht mehr erschrak, wenn wir unterschiedlicher Ansicht waren.
Der Zauber war an diesem Punkt gebrochen: Was bisher funktionierte, wurde plötzlich als Angriff wahrgenommen. Ich zog meine Grenzen, was einen kalten Krieg auslöste, Schuldgefühle und Verletztheit folgten, und ich fühlte mich, als wäre ich wieder in meine Kindheitssituationen zurückgefallen. Ich will nicht sagen, dass ich diese Zeit leicht überstanden habe, aber ich war nicht mehr das kleine Mädchen von früher. Am Ende war ich es, die sagte: Diese Freundschaft ist vorbei.

Traumabindung gibt es nicht nur in der Liebe
Lange dachte ich, Traumabindungen gäbe es nur in toxischen Partnerschaften. Hollywoodfilme zeigen das oft als emotionale Achterbahn mit tiefen Wunden und leidenschaftlicher Versöhnung, die von vorne beginnt. Heute weiß ich, dass dieses Muster auch in Freundschaften schlummert.
Wichtig ist nicht, wer der andere ist – Partner, Freund oder Kollege – sondern dass er gleichzeitig Trost und Schmerzquelle ist. Diese Dualität verbindet die Menschen so stark, dass es schwerfällt, aus Gewohnheit auszubrechen oder überhaupt zu erkennen, was in uns passiert.
Außerdem ist so eine Beziehung nicht ständig schlecht. Oft sind es gerade die schönsten Momente, die die stärkste Bindung schaffen: gemeinsames Lachen, Geheimnisse, das Gefühl einer Verbundenheit und das Wissen, dass wir Ähnliches durchmachen. An diesen Momenten halten wir fest, auch wenn das Verhalten des anderen weh tut. Die guten Zeiten sind so nostalgisch, dass sie die schlechten fast vergessen lassen.
Es scheint, als wäre die Beziehung besonders und unersetzlich, doch gleichzeitig laufen wir auf Eierschalen, um nichts Falsches zu sagen oder nicht die „richtige“ Reaktion zu zeigen – aus Angst vor Distanz, Verletzungen oder dem Gefühl, wertlos zu sein.
Das Erkennen oder Akzeptieren wird nicht leichter, weil man in so einer Dynamik meist sich selbst die Schuld gibt, nicht dem anderen. Man denkt, wenn man sich anders ausgedrückt, weniger hart oder sensibel gewesen wäre, oder nicht zu viel verlangt hätte, wäre alles in Ordnung. So arbeitet man ständig gegen sich selbst. Die eigenen Bedürfnisse werden zurückgestellt, um nichts „kaputtzumachen“, und so verstrickt man sich immer tiefer.
Der Preis der Freiheit: Selbstbestimmung
In meiner Geschichte kam die Wende, als ich aufhörte, mich selbst zu beschuldigen und offen sagte, was ich fühle. Nicht verletzend, aber klar. Die Reaktion darauf überzeugte mich endgültig.
Meine Freundin begann zuerst, mich zu beleidigen und zu verletzen, und als sie sich darin erkannte, schlug sie vor: „Lass uns lieber bei alltäglichen Themen bleiben.“ Ja, die alltäglichen Themen garantieren Stillstand und dass sich nichts ändern muss.
Der Verlust war schmerzhaft, denn diese Freundschaft war über viele Jahre ein wichtiger Teil meines Lebens. Doch es war auch befreiend: Endlich musste ich nicht mehr vorsichtig sein oder fürchten, dass ihre gute Laune oder Liebe davon abhängt, wie gut ich ihre Erwartungen erfülle. Im Loslassen lag die Erkenntnis, dass ich nicht um jeden Preis an etwas festhalten muss, das mich eigentlich nicht mehr nährt, sondern zurückhält. Die frei gewordene Energie konnte ich unter anderem in die Vertiefung meiner anderen Freundschaften investieren.
Eine Traumabindung ist keine Schwäche, sie bedeutet nicht, dass du zu wenig bist oder der andere furchtbar. Sie zeigt, dass die Erfahrungen der Vergangenheit noch in dir wirken. Der erste Schritt ist das Erkennen – zu merken, dass es nicht normal ist, ständig unsicher, angespannt oder selbstvorwurfsvoll in einer Beziehung zu sein. Der nächste Schritt ist, Grenzen zu setzen und klar zu sagen, was du nicht mehr bereit bist zu ertragen.











